„Mitn Redn kemman d’Leit z’somm“

Mit Kindern die sprachliche Vielfalt in der Euregio Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein erforschen, reflektieren und ausbauen

Auszug des Lehrmaterials

Eugen Unterberger stellt ein Kooperationsprojekt zwischen Schulen in Bayern und Salzburg vor, welches das Bewusstsein für die sprachliche Vielfalt im Klassenzimmer fördern soll.

Kannst du für uns Projektidee und -ziel kurz zusammenfassen? Und welche Ergebnisse erwartest du?

Wir wollen durch Bewusstmachung stereotyper Einstellungen, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sprachvarietäten (Ausprägungen einer Einzelsprache, beispielsweise Standard und Dialekt, Anm. d. Red.) verankert sind, Reflexionsprozesse bei Schülerinnen und Schülern (SuS) anregen, sodass sie ihre Einstellungen überprüfen, evaluieren und gegebenenfalls ändern können. Es gibt nämlich Vorbehalte von beiden Seiten: Dialektsprechende werden zwar als gemütlich, aber auch als ungebildet und derb empfunden; Hochdeutschsprechende hingegen als gebildet, aber auch unfreundlich und hochnäsig. Das ist unter anderem deswegen schade, weil diese Vorurteile in beiden Gruppen Vorbehalte gegenüber der jeweils anderen Varietät schüren. Dabei birgt die Situation der Varietätenvielfalt unserer Region das Potential, innere Mehrsprachigkeit zu entwickeln, also kompetent unterschiedliche Ausprägungen einer Einzelsprache zu beherrschen. Das scheint ähnliche Vorteile zu haben, wie es von der äußeren Mehrsprachigkeit bekannt ist, wenn man kompetent mehrere Einzelsprachen spricht. Dieses Potential wollen wir bewusst und nutzbar machen.

Ideal wäre, wenn wir einen Abbau der stereotypen Einstellungen und vergrößertes Differenzbewusstsein Sprachvarietäten gegenüber messen würden.

Dies könnte in weiterer Folge zu mehr Toleranz gegenüber Sprecher/innen anderer Varietäten, verbesserter Chancengleichheit und einem besseren Klassen- und Lernklima führen. Eventuell könnte dies sogar eine Verbesserung der Kompetenz in der Standardsprache und im Dialekt bei manchen SuS anregen.

Euer Projekt nennt sich „Mitn Redn kemman d’Leit z’somm.“ Wieso habt ihr euch gerade für diesen Titel entschieden?

Der Titel ist Irmi Kaiser eingefallen und für das Projekt passt er gut. Sprache ist ja etwas zutiefst Soziales, die Wahl bzw. Kompetenz (in) einer Varietät kann aber die Voraussetzungen stark beeinflussen, ob man in gewissen sozialen Gruppen aufgenommen wird oder eben nicht. Das ist zwar ganz natürliches menschliches Sozialverhalten – anpassen an die Ingroup, abgrenzen von der Outgroup – problematisch wird es aber dann, wenn dieses Verhalten aufgrund stereotyper Einstellungen zu einer Ungleichbehandlung einer Sozialgruppe führt, z. B. in der Schule.

Mit dem Zusatztitel eures Projekts habt ihr euch ambitionierte Ziele gesteckt. Welche Möglichkeiten gibt es, sprachliche Vielfalt zu erforschen, zu reflektieren und auszubauen?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wir können glücklicherweise auf die Erfahrung vorangehender Forschungsprojekte zurückgreifen. Vor allem in den USA aber auch in Großbritannien wurden schon mehrmals Projekte ähnlichen Inhalts durchgeführt, und das mit tollen Ergebnissen. Hier wurden die Einstellungen zu Varietäten von Minderheitengruppen – häufig handelte es sich dabei um Sprecher/innen afroamerikanischer Varietäten des Englischen – bewusst gemacht und im Schulkontext reflektiert. Dieses didaktische Vorgehen nennt man den critical awareness approach. Diese Projekte führten zu vergrößerter Toleranz unterschiedlicher Sozialgruppen im Klassenraum, zu verbessertem Lernklima und besseren Leistungen der zuvor sprachlich und anderweitig diskriminierten Gruppen. Diese Ergebnisse haben uns motiviert, dies auch im bairischsprachigen Raum auszuprobieren, damit wird das südöstliche deutschsprachige Gebiet bezeichnet, das Teile Bayerns, Österreich – außer Vorarlberg – und Südtirol umfasst. Die Materialien selbst verändern dabei potentiell nicht nur die Einstellungen der deutschsprachigen Kinder untereinander, sondern ändern auch die Toleranz in Bezug zu Einwanderervarietäten.

Für das Projekt erstellt ihr auch Schulunterlagen. Wie reagieren Schüler*innen und Lehrer*innen auf euer Projekt?

Mit unseren Materialien versuchen wir unterschiedliche Themen anzusprechen, z. B. was Sprache und Varietätenwahl mit der persönlichen Identitätsbildung zu tun haben, dass Dialekte genauso regelhaft sind wie die Standardsprache, dass Dialekte alt, aber auch lebendig sind, und welche Vorteile es gesellschaftlich mit sich bringt, wenn man sich in unterschiedlichen Varietäten bewegen kann – und dazu gehören sowohl die Standardsprache als auch die Jugendsprache – nice, oder? 

Reaktionen sind bisher überaus positiv. Vor allem bei den Lehrkräften bemerkt man, dass dieses Thema vielen ein persönliches Anliegen ist. Wie die Materialien auf SuS wirken, kann ich noch nicht wirklich sagen, da wir sie erst unvollständig mit wenigen Kindern pilotiert haben.

Warum ist es wichtig, dass der Dialekt mehr Raum in der Schulbildung einnimmt? 

Bei uns geht es gar nicht darum, dem Dialekt mehr Raum in der Schulbildung zu geben. Wir wollen vielmehr die stereotypen Einstellungen gegenüber Sprecher/innen, die Dialekt, Hochdeutsch oder mit einem Akzent Deutsch sprechen, verändern, da aus linguistischer Sicht generell keine Varietät besser ist als eine andere. Entsprechende Vorurteile können aber zu diskriminierenden Handlungen im sozialen Gefüge etwa einer Schulklasse führen. Daneben fände ich es gar nicht verkehrt, in der Schule auch etwas über Dialekte zu lernen – die sind ja immerhin die Muttersprache vieler Österreicher/innen. Ist doch irgendwie eigenartig, dass man in der Sekundarstufe zwar mindestens zwei oder auch mehr Fremdsprachen erlernen soll, die eigene Muttersprache aber völlig vernachlässigt.

Und noch ein paar Fragen, die wir einem Dialektforscher schon immer stellen wollten:

Wie nennst du den Gegenstand, mit dem man Krümel vom Boden auf einen kleinen Spaten fegt?

Kehrschaufel

Kannst du uns das transkribieren?

Sowieso: [ˈkɛ͜aʃa͜ʊfal]

Was ist dein liebster Dialektspruch?

„Wos woas denn i?“

Gibt es eine linguistische Antwort, warum so viele Nicht-Österreicher*innen ausgerechnet den ungewöhnlichen Begriff ‚Oachkatzlschwoaf‘ nachsprechen müssen?

Eine linguistische wahrscheinlich nicht, aber womöglich eine unrühmliche soziolinguistische. Manche Menschen finden es offenbar erheiternd, wenn man Nicht-Bairischsprachigen Diphthonge vorsetzt, die sie selbst nicht erworben haben und daher nicht aussprechen können. Das ist ungefähr so, wie wenn man von einer englischsprachigen Person für die Auslautverhärtung, die man als Deutsch-Muttersprachler/in nur schwer unterdrücken kann, verarscht wird. Aber ein Schmäh muss schon einmal sein …