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Maria Öller

2021-04-13T10:44:31+02:00

Im Ausland unterrichten

Maria Öller ist Lektorin im Rahmen des Lektoratsprogramms des Österreichischen Austauschdiensts (OeAD). An der schottischen University of St Andrews unterrichtet sie sowohl deutsche Sprache, als auch Literatur und Landeskunde, was im Moment nur online möglich ist. Im Gespräch erzählt sie von der abwechslungsreichen Aufgabe, ‚Österreich‘ an einer ausländischen Universität zu repräsentieren.

Du bist Lektorin an der University of St Andrews. Kannst du ein paar Episoden aus deinem Arbeitsalltag berichten, die besonders lustig und herausfordernd waren?

In einer für mich amüsanten Stunde übten die Studierenden Streitgespräche. Diese Aufgabe stellte sie vor eine große Herausforderung, denn viele waren viel zu höflich, um sich miteinander zu streiten. In einer Fremdsprache streiten oder diskutieren zu können, muss auch gelernt sein.

Eine weitere Situation, die mir in positiver Erinnerung geblieben ist, war die Organisation des Literaturwettbewerbs writeAUT, der jedes Jahr von den Lektor*innen in Großbritannien und Irland durchgeführt wird. Studierende können hier Texte zu einem vorgegebenen Thema verfassen und einreichen. Als Lektorin biete ich während des Schreibprozesses Unterstützung an und es war für mich selbst sehr schön zu erleben, wie die Studierenden abseits des „Pflichtprogrammes“ im Unterricht sprachlich kreativ werden.

Warum hast du dich für dieses Programm beworben?

Ich habe während des Studiums schon Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und dieser Bereich hat mir immer Spaß gemacht. Nach einem Unterrichtspraktikum in Finnland, das ich ebenfalls über den Österreichischen Austauschdienst absolvierte, wurde ich dann auf das Lektoratsprogramm aufmerksam. Mir gefiel die Gelegenheit, nochmal eine Zeit im Ausland zu leben und zu arbeiten, und ich fand die Rolle als Lektorin spannend, da ich hier für viele Studierende Österreich repräsentiere. Das regt mich auch selbst an, mich mit meinem eigenen Bild vom Land auseinanderzusetzen und zu reflektieren, was ich meinen Lernenden weitergebe.

Nach der schriftlichen Bewerbung werden alle zu einem Gespräch eingeladen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Der OeAD gibt im Vorfeld des Gespräches einen groben Ablauf bekannt, was die Vorbereitung auf das Gespräch sehr erleichtert. Neben Fragen zur eigenen Studien- und Berufserfahrung sollte man über die Bildungssysteme und Hochschullandschaften in den angestrebten Zielländern informiert sein und wissen, mit welchen Partnerinstitutionen in Österreich oder im Gastland man später bei Projekten zusammenarbeiten könnte. Außerdem habe ich mich im Vorfeld mit für mich interessanten Themen für den Unterricht und deren Umsetzung auseinandergesetzt.

Stolperst du manchmal über Sprachkonstruktionen des Deutschen, die dich selber verwundern?

Ja, das kommt eigentlich ganz oft vor und ist ein Grund dafür, warum der Unterricht auch für mich spannend bleibt. Durch die Fragen von Studierenden gewinne ich immer wieder neue Einblicke in die deutsche Sprache. Manchmal habe ich dann im ersten Moment selbst keine ausreichende Erklärung bereit und muss mich genauer mit den sprachlichen Konstruktionen auseinandersetzen. Ein Themenbereich, der sehr oft angesprochen wird, sind Modalpartikel (wie z.B.doch im Satz „Geh doch in die Bibliothek!“). Sie fallen den Studierenden sehr früh auf, da sie im mündlichen Sprachgebrauch vergleichsweise oft auftreten. Ihre Bedeutung zu erklären stellt mich jedes Mal wieder vor eine Herausforderung, lädt aber auch zu spannenden Sprachvergleichen ein.

Um als Lektor*in an eine ausländische Universität zu gehen, muss man vorab ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren durchlaufen, wie sieht das aus?

Das Verfahren beginnt mit einer umfassenden schriftlichen Bewerbung, die man über das Online-Portal des OeAD einreichen muss. Man verfasst ein Motivationsschreiben, reicht zwei Empfehlungsschreiben ein und beschreibt Ideen zur eigenen Unterrichtstätigkeit, Forschung und Weiterbildung. Alle Bewerber*innen nehmen dann an einem Vorauswahlgespräch vor einer Kommission in Wien teil. Absolviert man diesen Teil der Bewerbung erfolgreich, kann man sich im Anschluss auf ausgeschriebene Stellen an bis zu drei Universitäten bewerben. Die Auswahl der Lektor*innen erfolgt dann durch die Universitäten selbst.

Maria Öller2021-04-13T10:44:31+02:00

Gattungen

2021-01-04T10:50:14+01:00

Werner Michler und Paul Keckeis über ihren neuen Band zu Gattungstheorie

… und darüber, was das Schnabeltier mit dem Epos und Netflix mit Literatur zu tun hat

Viele von uns haben in der Schule gelernt, dass es drei Gattungen gibt: Lyrik, Epik, Dramatik. Ist das wirklich alles?

„Das kommt darauf an“, wäre eigentlich schon die ganze Antwort … Lyrik, Epik und Dramatik sind alte, traditionsreiche Gattungsnamen, die bis heute als Oberbegriffe für die literarischen Gattungen verwendet werden. Wenn man genauer hinsieht, gibt es diese Dreierformel „Lyrik-Epik-Dramatik“ gar nicht so lange, sie wird erst um 1800 herum formuliert. Aber es gibt für die Gattungen eigentlich keine überhistorische, logische Beschreibungssprache; Gattungen sind keine Erfindung der Theorie, sondern gehören zum künstlerischen Voraussetzungssystem: Wie lang soll der Text werden, den eine Autorin schreibt, was ist das Thema, welches Publikum soll angesprochen werden, in welche Tradition soll sich der Text einreihen usw. Man kann also für bestimmte künstlerische Situationen Gattungsnamen finden; und wenn die Situationen selbst ganz neu sind, muss man auch einen neuen Namen für sie finden. So entstehen auch immer wieder neue Gattungen; und zwar nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik oder im Fernsehen, auf Netflix usw.

Ihr beide forscht seit vielen Jahren zu Themen rund um die Gattung und habt heuer, 2020, in der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft einen Band zur Gattungstheorie veröffentlicht. Was enthält der Band, und nach welchen Kriterien erfolgte eure Auswahl?

Es gibt viele Themen, die in der internationalen Gattungsdiskussion eine zentrale Rolle spielen, im deutschsprachigen Raum aber oft nur am Rand wahrgenommen werden. Wir haben unseren Band deshalb als einen Beitrag zur Internationalisierung der deutschsprachigen Gattungsdiskussion konzipiert; mit einer Ausnahme – der Text von Peter Szondi stellt einen Zusammenhang mit der deutschen Romantik her, eine etwas unvermutete Basis für die dekonstruktivistischen Ansätze in der Gattungstheorie – enthält der Band deshalb ausschließlich Beiträge aus der internationalen, insbesondere französischen und angloamerikanischen Diskussion. Die Texte, die wir ausgewählt haben, nehmen immer wieder selbst aufeinander Bezug und dokumentieren zwei Phasen (um 1980 und nach 2000), die für die neuere Gattungsdiskussion besonders prägend sind. Es war uns außerdem wichtig, nicht nur literaturwissenschaftliche Perspektiven miteinzubeziehen, sondern auch Beiträge aus der Sprachwissenschaft, der historischen Kulturwissenschaft bis hin zu den television studies zu integrieren.

Bücher schreiben bzw. zusammenstellen ist oft ein mühsamer Prozess: meistens ist man mit dem Vorwort mindestens 6 Monate im Rückstand, und auf den Fahnen stehen plötzlich Tippfehler, die man unmöglich übersehen haben kann. Aber was war euer schönster Moment in der Arbeit am Band?

Es gab eigentlich viele schöne Momente, die schönsten beim gemeinsamen Übersetzen. Wir haben sieben Texte aus dem Englischen bzw. Amerikanischen selbst übersetzt, d.h. wir haben diese Texte Wort für Wort und Satz für Satz durchgearbeitet. Dabei kann man nicht nur sehr viel lernen, es ist eben auch besonders schön, gemeinsam an Texten zu arbeiten.

In der Biologie gibt es die – wenig appetitlich klingende – Gattung der Kloakentiere, der neben den Ameisenigeln auch das Schnabeltier angehört. Als eierlegendes Säugetier mit namensgebendem Schnabel und Biberschwanz ist es zwar eigenartig, aber auch ganz schön faszinierend. Was ist denn euer persönliches Schnabeltier unter den literarischen Gattungen?

Werner: Gut, dass du das Schnabeltier nennst – das seine eigene Schönheit hat und ja nur Menschen eigenartig vorkommt. (Was sagen die Schnabeltiere eigentlich über uns? Das wollen wir gar nicht hören.) Für Darwin war das Schnabeltier ein lebendes Fossil, aus der Zeit der Evolution gefallen. Ich mag literarische Gattungen, die nicht zeitgemäß sind, ‚nicht mehr passen‘, mit denen ‚es vorbei ist‘ und die trotzdem noch da sind, mühsam, lästig, ein wenig lächerlich, unpassend, aber ihr eigenes unzeitgemäßes Potenzial bewahrend. Das Versepos zum Beispiel, ‚anachronistisch‘ seit vielen Jahrhunderten (wie vielen eigentlich?). Aber hat nicht der karibische Dichter Derek Walcott vor allem für Omeros 1992 den Nobelpreis erhalten? Und hat nicht ein Versepos 2020 den Deutschen Buchpreis gewonnen – Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber, über die französische Résistancekämpferin Anne Beaumanoir?

Paul: Das „Tagebüchelige“; das ist eine Gattung, die Robert Walser erfunden hat; es ist nicht wirklich ein Tagebuch, man muss es zB nicht datieren, aber es funktioniert ganz ähnlich; man kann im „Tagebücheligen“ über sich selbst nachdenken, aber das Entscheidende ist, dass man sich unbedingt über sich selbst lustig machen muss.

Werner MichlerUniv.-Prof. Dr.
Werner Michler ist Professor für neuere deutsche Literatur am Fachbereich Germanistik der PLUS, Teil der Fachbereichsleitung, Studiengangsleiter des Unterrichtsfachs Deutsch im Cluster Mitte (Salzburg/Oberösterreich) und, gemeinsam mit Hildegard Fraueneder, Leiter des Programmbereichs „Figurationen des Übergangs“ am interuniversitären Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Theorie und Geschichte der literarischen Gattungen, Literatur und Naturwissenschaft, Geschichte und Theorie der literarischen Übersetzung, deutschsprachige, insb. österreichische Literatur des 18.-21. Jahrhunderts und literarische Bildung.

Paul KeckeisMag. Dr.
Paul Keckeis ist Postdoc-Assistent am Institut für Germanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Von 2013-2017 war er Universitätsassistent am Fachbereich Germanistik der PLUS. Für seine Dissertation ‚Robert Walsers Gattungen‘ erhielt er den Wendelin Schmidt-Dengler-Preis, den Jubiläumspreis des Böhlau Verlages und den Innsbrucker Literaturpreis. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Literatur der klassischen Moderne, deutschsprachige Lyrik, insb. des 19. Jahrhunderts, DDR-Literatur, Gattungstheorie und Geschichte der marxistischen Ästhetik. Derzeit arbeitet er an seinem Habilitationsprojekt zur (insb. österreichischen) Lyrik zwischen 1830 und 1860.

Gattungen2021-01-04T10:50:14+01:00

Linda Beutel

2020-12-03T17:47:17+01:00

Was ist und macht eigentlich ein*e Studienassistent*in?

Linda Beutel studiert nicht nur Germanistik, sondern sie ist auch Studienassistentin am Interdisziplinären Zentrum für Mittelalter und Frühneuzeit (IZMF). Sie verrät uns heute, was sie am Mittelalter – abseits von Drachen und Zauberern – fasziniert, und gibt einen Einblick in ihre vielfältigen Aufgabenbereiche.

Traumstudent*innenjob Studienassistent*in? Würdest du dem zustimmen?

Persönlich kann ich dem voll und ganz zustimmen. Aufgrund des Arbeitsplatzes an der Universität lässt sich der Arbeitsalltag ungemein gut mit dem Studium koordinieren. Zum einen hat man keine zusätzlichen Wege und zum anderen kann man die Arbeitszeiten dem eigenen Stundenplan weitestgehend anpassen. Außerdem sind die Aufgaben sehr eng mit meinen persönlichen Interessen vernetzt und ich bekomme genauere Einblicke in die Tätigkeiten der Professor*innen.

Dass eine Studienassistenz für jeden ein Traumjob ist, glaube ich nicht. Man sollte sich gut organisieren und selbständig arbeiten können, ansonsten verliert man schnell den Überblick. Außerdem sollte man auch Interesse an dem universitären Alltag haben. Wenn man z.B. ungern alleine arbeitet und nicht so gerne den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, befürchte ich, dass schnell die Freude an der Erledigung der Aufgaben abnimmt.

Warum hast du dich als Studienassistentin beworben?

Weil mir schon im ersten Studienjahr klar geworden ist, dass ich nach meinem Studium gerne in der Forschung arbeiten möchte. Da erschien mir eine Bewerbung als Studienassistentin als erster Schritt in die richtige Richtung. Rückblickend betrachtet, kann ich nur sagen, dass es diesem Wunsch sicher nicht abträglich war.

Was fasziniert dich an der Mediävistik?

Puh, das ist wirklich eine gute Frage und ich bemühe mich, das so kurz wie möglich zu beantworten… Das ‚Mittelalter‘ hat mich eigentlich schon früh begeistert. Die Vorstellungen, die ich damals hatte, waren jedoch alles andere als historisch korrekt, sondern mehr geprägt von fantastischen Märchen und Geschichten von Hexen und Zauberern. In meinen Teenager-Jahren bin ich dann in Kontakt mit der ‚Mittelalter-Szene‘ gekommen, habe Mittelaltermärkte besucht und bin großer Fan von mittelalterlicher Musik geworden. Auch wenn mir heute bewusst ist, dass die Darstellungen in Literatur, Musik und Spektakel meist nicht sonderlich ‚authentisch’ sind, ist die Begeisterung für die dort bedienten Motive geblieben. Die Ursprünge jener Motive untersuchen zu können, hat mein Interesse an der germanistischen Mediävistik geweckt. Nachdem ich mich jetzt einige wenige Jahre mit der Forschung beschäftigt habe, hat sich dieses Interesse über diese Motive hinaus natürlich ausgebaut. Mir ist bewusst geworden, dass diese Darstellungen meist mehr als nur Drachen, Zauberer oder Ritter zum Thema haben.

Wie sieht eine normale Woche bei dir aus, was sind deine Aufgaben?

Tatsächlich sieht jede Woche anders aus, da auch immer wieder neue Aufgaben auf mich zukommen. Vor kurzem hat das IZMF z.B. eine neue Website veröffentlicht. Dabei war meine Aufgabe, die Inhalte der alten Homepage auf die neue zu kopieren, aufzubereiten und ins Englische zu übertragen. Nachdem das nun alles erledigt ist, müssen die Beiträge natürlich auf dem neuesten Stand gehalten werden. Auch die Aktualisierung unserer Social Media-Accounts fließt in diesen Aufgabenbereich mit ein. Ansonsten übernehme ich auch die Organisation der Treffen und Tagungen des Zentrums oder des Doktorats-Kollegs. Dazu gehört die Buchung von Räumen und Hotelzimmern, Budgetkalkulationen, Organisation von Verpflegung usw. Außerdem kümmere ich mich um die Ablage und solche Sachen wie Druckaufträge, Erstellung von Postern und Foldern und die Beantwortung von Fragen, die die Studienergänzung (Interdisziplinäre Studien zu Mittelalter und Frühneuzeit) betreffen. Meine Aufgaben fallen also im Großen und Ganzen in den Bereich der Administration, der Öffentlichkeitsarbeit und des Eventmanagement.

 

Linda Beutel

Linda Beutel2020-12-03T17:47:17+01:00

Codex Manesse

2020-11-25T15:55:53+01:00

Der Codex Manesse

Eine hoch geschätzte Handschrift mit unterschätzten Dichtern

Der größten und bedeutendsten mittelhochdeutschen Lyrikhandschrift widmet sich Anna Kathrin Bleuler in einem neuen Projekt. Die Handschrift soll dabei mit frischem Blick betrachtet werden, um neue Erkenntnisse über die Anordnung der Sammlung und der Autoren zu gewinnen. Ein Interview mit Anna Kathrin Bleuler.

Der Codex Manesse ist die bekannteste und umfassendste Sammlung mittelhochdeutscher Lyrik; ein unschätzbarer Wert für die Forschung. Doch was überrascht DICH ganz besonders im Umgang mit dieser Handschrift? 

Der Codex Manesse ist 2019 von der UNESCO als Weltdokumentenerbe nominiert worden. Trotzdem gibt es in dieser Handschrift einen ziemlich großen Anteil an Texten, der bis heute weitgehend unerforscht ist. Zu den Werken mancher Autoren liegen lediglich rudimentäre Lexikoneinträge vor; manche Werke sind bis heute unediert und nur in Form von Faksimiles (Handschriftenkopien) und Transkriptionen (Handschriftenabschriften) zugänglich. Eine Beschäftigung mit dem Inhalt dieser Werke hat bislang nicht stattgefunden. Das Problem reicht ins 19. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit wurde auf der Basis nationalästhetischer Werturteile eine Auswahl an Dichtern getroffen, die als wichtig angesehen wurden; mit diesen Dichtern fand fortan eine eingehende Auseinandersetzung statt; andere Autoren des Codex Manesse blieben dagegen weitgehend unberücksichtigt. Dieser Kanonisierungsprozess wurde bis heute nicht wirklich revidiert.

Kannst du das anhand eines Beispiels verdeutlichen?

In einer Seminargruppe, in der wir die Projektarbeit etwas vorbereiten, übersetzen und diskutieren wir Werke solcher wenig erforschter Autoren aus dem Codex Manesse. Darunter fällt auch der Dichter „Winli“, dessen Gedichte 1886 von dem Germanisten Karl Bartsch herausgegeben wurden. Schaut man sich „Winlis“ Werk nun probehalber im Codex Manesse an, stellt man fest, dass es dort einige Strophen mehr umfasst als in Bartschs Ausgabe. D.h. Bartsch hat in seiner Ausgabe kommentarlos einige Strophen weggelassen – womöglich, weil er sie für ‚unecht‘ gehalten hat. Das Frappierende ist nun, dass im Verfasserlexikon, dem Nachschlagewerk des Mittelalters – das in der ersten Hälfte des 20. Jh. entstanden und im 21. Jh. noch einmal gründlich überarbeitet wurde – diese Haltung vorbehaltslos übernommen wird: Im Eintrag zu „Winli“ heißt es dort ohne jede Begründung: Einige Strophen, die der Codex Manesse unter „Winlis“ Namen überliefert, seien nicht diesem Autor zuzuschreiben; und weiter: „Winlis“ Œuvre habe „nichts Außergewöhnliches“ zu bieten. Dies wiederum ist ein Werturteil, das fast wörtlich aus einem Lexikoneintrag des 19. Jh.s übernommen wurde.

Einmal abgesehen davon, dass solche Urteile keinen analytischen Mehrwert für die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung haben, illustriert dieses Beispiel genau das, was ich vorhin gemeint habe: Nämlich dass die nationalästhetische Literaturwissenschaft des 19. Jh.s bis heute Auswirkungen auf die Auswahl und Bewertung von mittelalterlichen Artefakten hat.

Die Handschrift enthält nicht nur Gedichte, sondern auch eine Vielzahl an Illustrationen. Es ist also zusätzlich ein Schatz mittelalterlicher Buchmalerei. Gibt es ein Bild, das dich immer wieder aufs Neue erstaunt?

Mich fasziniert ausnahmslos jedes Bild, deshalb greife ich einfach einen Aspekt heraus: Bei den Bildern handelt es sich um Portraits der Autoren. Die Bilder zeigen den Autor oft als Schöpfer von Dichtkunst in meditierender Haltung. Unter den 137 Abbildungen des Codex Manesse findet sich interessanterweise nur eine einzige, die den Autor als Vermittler der Dichtkunst darstellt. Hierbei handelt es sich um das Autorenbild zum Œuvre Reinmars des Fiedlers, das den Autor als musizierenden Vortragskünstler zeigt.

Die Darstellung scheint aus dem Namenszusatz ‚der Fiedler‘ motiviert zu sein. Geht man davon aus, dass die mittelhochdeutschen Lyriker nicht nur Dichter, sondern auch Komponisten, Musiker und Sänger waren, überrascht das weitgehende Fehlen von Bildern, die den Autor in der Vermittlerrolle zeigen. Dieser Befund korrespondiert damit, dass der Codex Manesse keine Melodienaufzeichnungen enthält. Offenbar handelt es sich hier um einen Handschriftentypus, für den die Illustration der mündlich-musikalischen Seite der Lyrik eher nachranging war.

Das Projekt wird die Handschrift genauer unter die Lupe nehmen. In welcher Hinsicht wurde sie noch zu wenig erforscht?

Es gibt detaillierte codicologische (handschriftenkundliche) und paläografische (schriftkundliche) Untersuchungen, die zeigen, dass die Pergamentlagen, auf denen die Werke notiert worden waren, im Zuge der Herstellung des Codex umgeordnet und z.T. sogar auseinandergetrennt und neu zusammengefügt wurden. Etliche Doppelblätter wurden zerschnitten und in anderer Anordnung wieder zusammengenäht. Diese bewusste Gestaltung weist darauf hin, dass es den Redakteuren bei der Herstellung des Codex darum ging, die Autoren in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen. Dieser Befund ist inhaltlich bislang gänzlich unerforscht.

In unserem Projekt, an dem neben der Universität Salzburg auch die Universität Konstanz beteiligt ist, werden wir einzelne Handschriftensegmente herausgreifen und nach dem Zustandekommen solcher Gruppierungen fragen. Sind diese gemeinsam überliefert, wurden sie gemeinsam rezipiert, gibt es dichterische Parallelen?

Diese Kontextualisierung wird grundlegende Erkenntnisse über den Sammlungsaufbau sowie das literaturgeschichtliche Wissen, das sich darin abbildet, hervorbringen. Des Weiteren erwarten wir Hinweise auf Vorlagen dieser Handschrift. Das Projekt wird damit einen maßgeblichen Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Codex leisten.

Das Projekt startet im März 2021, wie werden die ersten Schritte aussehen?

Wir hoffen, dass es bis dahin wieder möglich sein wird, zu reisen und einander persönlich zu treffen. Als erstes werden wir – meine Projektmitarbeiter Claudia Kraml, Dominik Nießl und ich – uns mit unserem deutschen Projektpartner, Andreas Hammer (Universität Konstanz), und dessen Mitarbeiterin in einem Biergarten treffen und auf die erfolgreiche Projekteinreichung bei den Forschungsförderungsinstitutionen FWF und DFG anstoßen.

An dem Projekt arbeiten nicht nur Literaturwissenschaftler*innen, sondern auch Historiker*innen und Codicolog*innen etc. Was erwartest du dir von dem interdisziplinären Austausch?

Erkenntnisse in Bezug auf Fragen, die meinen eigenen Kompetenzbereich übersteigen. In Bezug auf den Codex Manesse gibt es viele solche offenen Fragen, z.B. zu den Schreiberhänden, zu späteren Bearbeitungen der Bilder oder zur Parallelüberlieferung der Texte in anderen Handschriften. Um solche Fragen mit Fachpersonen besprechen zu können, haben wir internationale Kooperationsvereinbarungen mit Vertretern aus der Handschriftenkunde, der Paläographie, der Lyriküberlieferung und der Kunstgeschichte getroffen. Und nicht zuletzt werden wir die Forschungsergebnisse für eine digitale Nachnutzung aufbereiten, wofür wir mit Experten der Digital Humanities zusammenarbeiten.

Das Autorenbild von ‚Reinmar dem Fiedler‘. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, 312r.

Infobox Codex Manesse

Der Codex-Manesse ist die umfangreichste und bedeutendste Handschrift mittelhochdeutscher Lyrik. Sie enthält 140 Dichtersammlungen und 137 Bilder. Die Handschrift wurde um 1300 in Zürich angefertigt und befindet sich heute in der Universitätsbibliothek in Heidelberg.

Umfang: 426 Blätter, doppelseitig beschrieben

Material: Pergament

Maße: 35,5x25cm

Anna Kathrin Bleuler (rechts)  mit ihren beiden Mitarbeiter*innen, Claudia Maria Kraml und Dominik Nießl. 

Infobox Projekt

Das Projekt möchte den Sammlungsaufbau der Handschrift erforschen. Ziel ist es, Informationen über die Handschrift aus dem Bereich der Kunstgeschichte, Codicologie, Geschichte und Literaturwissenschaft zu verbinden, um neue Erkenntnisse zu Gliederung und Anordnungskriterien der Sammlung zu gewinnen.

Weitere Infos

Codex Manesse2020-11-25T15:55:53+01:00

Magdalena Stieb

2020-10-15T11:31:41+02:00

Magdalena Stieb

Magdalena Stieb arbeitet als Literatur- und Kulturvermittlerin bei der Salzburger Leselampe und als Kunstvermittlerin im Museum der Moderne. Im Interview erzählt sie, was sie an ihrem Beruf liebt, und warum wir alle öfter zu Lesungen und ins Museum gehen sollten.

Was sagst du, wenn dich jemand fragt, was du beruflich machst?

Das kommt ein wenig darauf an, wer wo und wann fragt, denn auf diese Frage gibt es verschieden ausführlich Antworten. Jedenfalls habe ich in meinem beruflichen Leben zwei Standbeide: Einerseits arbeite ich als Programmleiterin beim Salzburger Verein Literaturforum Leselampe und als Kunstvermittlerin im Museum der Moderne Salzburg. Weil das sehr häufig einer weiteren Erklärung bedarf, liefere ich die auch gleich mit: Bei der Leselampe bin ich schwerpunktmäßig, aber auch nicht ausschließlich für die Programmierung, also Planung, Organisation und Abwicklung der Veranstaltungen zuständig, also Lesungen, Literaturfrühstücke, Filmclub etc. Im Museum der Moderne gebe ich Führungen durch die laufenden Ausstellungen für alle Besucher*innengruppen, also alle Altersgruppen, Schulen, Kindergärten, Erwachsene etc.

Wie sieht ein ‚ganz normaler Arbeitstag‘ aus?

Willst du es wirklich genau wissen? 🙂 Ein normaler Arbeitstag unterscheidet sich vor allem immer vom Arbeitstag davor und danach: Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich, stets gibt es neue Herausforderungen und anderes zu tun. Ein normaler Arbeitstag könnte konkret so aussehen: Vormittags, wenn das Museum am Mönchsberg oder im Rupertinum seine Türen öffnet, empfange ich mit einer Kollegin eine Volksschulklasse, für eineinhalb Stunden bin ich damit befasst, mit der Gruppe die aktuelle Ausstellung zu erkunden und auf viele, viele Fragen Antworten zu finden und die Kinder anzuregen, selbst nach Antworten zu suchen – die besten Antworten auf die Fragen, die ich selbst an zeitgenössische Kunst habe, geben mir übrigens junge Menschen. Teil eines solchen Workshops, den ich mit den Kolleginnen vorher ausgearbeitet habe, sind immer auch kreative Tätigkeiten – Wachsmalkreide, Bleistift, Uhustick, Tonpapier und Kinderschere sind mein tägliches Arbeitswerkzeug. Wenn die Kinder verabschiedet sind, fahre ich vielleicht ins Literaturhaus, kümmere mich um allerlei Administratives und/oder bereite etwa die nächste Lesung, die ich moderiere, vor. Wobei die vorbereitende Lektüre eher am Wochenende oder abends Platz hat. Am Abend nehme ich dann mit meiner Kollegin den/die Autor*in des Abends im Literaturhaus in Empfang, ich stehe an der Kassa, verkaufe Eintrittskarten etc. Dann rauf auf die Bühne, ein tolles Gefühl, etwa mit Brita Steinwendtner, Jonas Lüscher, Eva Menasse, Arno Geiger, Peter Stamm, Anna Weidenholzer, David Wagner oder demnächst Michael Stavarič. Die Gespräche mit den Autor*innen gehören zu den eindrücklichsten und auch herausforderndsten Erfahrungen.

Von welchen Aspekten des Germanistikstudiums profitierst du bei deiner Arbeit besonders?

Das Germanistikstudium hat mir mit den unterschiedlichen Zugängen der Lehrenden genau das vermittelt: Die Künste kritisch reflexiv zu betrachten und mit unterschiedlichen Zugängen und Fragestellungen an ein Kunstwerk heranzutreten, sei es die Literatur oder etwa die bildende Kunst. Neben vielen anderen Erkenntnissen, die ich aus meinem langjährigen Studium mitgenommen habe, ist es der Wissenshunger, frei nach Umberto Eco: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene“. Außerdem die Tatsache, dass man mit einem Gegenstand nie fertig werden und ihn immer wieder neu beleuchten kann. Mein Ziel ist einerseits, meine Leidenschaft für Kunst und Kultur ansteckend sein zu lassen, andererseits durch meine Kompetenz dem Publikum neue Perspektiven zu eröffnen, Anstöße zu geben, um dann – die Kunsthistorikerin Angeli Janhsen spricht von der „Jeweiligkeit eines Jeden“ – die Leser*innen, die Betrachter*innen ihren individuellen Lektüren bzw. Betrachtungen zu überlassen.

Welche Angebote haben das Literaturhaus und das Museum der Moderne für Student*innen?

Für Studierende kann ich grundsätzlich das gesamte Programm sowohl des Literaturhauses als auch des Museums der Moderne Salzburg empfehlen! Wer sich für Literatur interessiert, sollte sich die Möglichkeit nicht entgehen lassen, Autor*innen live zu erleben – gerade die Gespräche über einen Text machen völlig neue Perspektiven auf. Außerdem bietet die Leselampe einmal im Monat das Literaturfrühstück an: Wem Vorlesungen an der Germanistik zu ungemütlich sein sollten, der kann viele der Lehrenden dort in einem entspannten Rahmen bei Kaffee und Kipferl im Literaturhaus hören, so zuletzt Christa Gürtler zu Marlen Haushofer, im aktuellen Programm dann etwa Manfred Mittermayer zu Virginia Woolf oder aber auch den Literaturkritiker Anton Thuswaldner zu den Preisträger*innen des Georg Büchner Preises (der bedeutendste Literaturpreis im deutschsprachigen Raum). Im Museum der Moderne Salzburg empfehle ich grundsätzlich jede öffentliche Führung, sowohl Mittwoch um 18.30 Uhr als auch am Sonntag um 15.00 Uhr. Die Kunstgespräche mit den Kunstvermittlerinnen im Museum der Moderne sind wirklich toll! Es macht so viel Freude, sich angeregt über zeitgenössische Kunst zu unterhalten. Was soll ich sagen: Auch wenn man Germanistik studiert, heißt das nicht, dass nicht auch noch andere Künste auf dieser Welt existieren – die Schnittstellen und Korrespondenzen zu erkunden, ist äußerst inspirierend. Ganz abgesehen davon, dass wir in unserer Sammlung zum Beispiel reichlich Arbeiten von Multitalenten wie Else Lasker-Schüler, Oskar Kokoschka, Gerhard Rühm, Ferdinand Schmatz, Konrad Bayer etc. haben. Oder auch von Walter Pichler, der über Jahrzehnte für die Coverentwürfe des legendären Residenz Verlags und später des Jung und Jung Verlags verantwortlich war. Außerdem: Die Bibliothek des Museums der Moderne ist herausragend! Viele Bücher dort findet man an der ganzen Universität nicht. Wer gerne zur Wiener Gruppe arbeiten möchte, muss im Rupertinum recherchieren.

Was muss man diesen Herbst gelesen, welche Ausstellungen unbedingt gesehen haben?

Gelesen haben muss man Dorothee Elmiger „Aus der Zuckerfabrik“, außerdem Monika Helfer „Die Bagage“ und Xaver Bayer „Geschichten mit Marianne“. Gelesen haben muss man alle Texte auf dem Literaturblog „Literatur für den Fall“, www.literaturfuerdenfall.at. Gelesen haben muss man, egal wann und immer wieder, Emmanuel Bove „Meine Freunde“, Joseph Conrad „Herz der Finsternis“, Sylvia Plath „Die Glasglocke“ und die Gedichte von Emily Dickinson. Gesehen haben muss man die Ausstellung „Friedl Kubelka vom Gröller. Das Ich im Spiegel des Anderen“, eine großartige österreichische Künstlerin. Außerdem im Rupertinum „Marina Faust“, eine vielseitige, experimentierfreudige österreichische Fotografin.

Hast du Tipps für Leute, die einmal in diesem Feld arbeiten wollen?

Begeisterung! Ausprobieren! Ich muss ehrlich sagen, ich tue mir immer ein wenig schwer, wenn ich sehe, dass Studierende in Mindestzeit durch das Germanistikstudium rasen, wobei mir natürlich bewusst ist, dass das von äußeren Faktoren abhängig ist. Wenn es jedenfalls möglich ist, sich während des Studiums umzutun, Praktika zu belegen, dann sollte, ich würde sogar sagen, muss man das als Student*in der Geisteswissenschaften tun. Mein Studium habe ich mit großer Leidenschaft verfolgt und ich bin unheimlich dankbar für alles, was ich lernen durfte. Nebenher war ich unterwegs, habe Kontakte im Kulturbereich geknüpft und viele, viele Jobs gemacht… Kurz gesagt: Wer bei einem Bewerbungsgespräch im Kulturbereich sagt, dass er noch nie in einer Ausstellung oder bei einer Lesung einer/s lebenden Autor*in (ja, solche gibt es tatsächlich, reichlich sogar) war, die*der wird es schwer haben. Literatur, Kunst ist eben nicht nur Gegenstand von Prüfungen und Seminararbeiten, sondern passiert jetzt gerade, in diesem Moment.

Magdalena Stieb2020-10-15T11:31:41+02:00

Mitn Redn kemman d’Leit z’somm

2020-09-23T11:45:57+02:00

„Mitn Redn kemman d’Leit z’somm“

Mit Kindern die sprachliche Vielfalt in der Euregio Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein erforschen, reflektieren und ausbauen

Auszug des Lehrmaterials

Eugen Unterberger stellt ein Kooperationsprojekt zwischen Schulen in Bayern und Salzburg vor, welches das Bewusstsein für die sprachliche Vielfalt im Klassenzimmer fördern soll.

Kannst du für uns Projektidee und -ziel kurz zusammenfassen? Und welche Ergebnisse erwartest du?

Wir wollen durch Bewusstmachung stereotyper Einstellungen, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sprachvarietäten (Ausprägungen einer Einzelsprache, beispielsweise Standard und Dialekt, Anm. d. Red.) verankert sind, Reflexionsprozesse bei Schülerinnen und Schülern (SuS) anregen, sodass sie ihre Einstellungen überprüfen, evaluieren und gegebenenfalls ändern können. Es gibt nämlich Vorbehalte von beiden Seiten: Dialektsprechende werden zwar als gemütlich, aber auch als ungebildet und derb empfunden; Hochdeutschsprechende hingegen als gebildet, aber auch unfreundlich und hochnäsig. Das ist unter anderem deswegen schade, weil diese Vorurteile in beiden Gruppen Vorbehalte gegenüber der jeweils anderen Varietät schüren. Dabei birgt die Situation der Varietätenvielfalt unserer Region das Potential, innere Mehrsprachigkeit zu entwickeln, also kompetent unterschiedliche Ausprägungen einer Einzelsprache zu beherrschen. Das scheint ähnliche Vorteile zu haben, wie es von der äußeren Mehrsprachigkeit bekannt ist, wenn man kompetent mehrere Einzelsprachen spricht. Dieses Potential wollen wir bewusst und nutzbar machen.

Ideal wäre, wenn wir einen Abbau der stereotypen Einstellungen und vergrößertes Differenzbewusstsein Sprachvarietäten gegenüber messen würden.

Dies könnte in weiterer Folge zu mehr Toleranz gegenüber Sprecher/innen anderer Varietäten, verbesserter Chancengleichheit und einem besseren Klassen- und Lernklima führen. Eventuell könnte dies sogar eine Verbesserung der Kompetenz in der Standardsprache und im Dialekt bei manchen SuS anregen.

Euer Projekt nennt sich „Mitn Redn kemman d’Leit z’somm.“ Wieso habt ihr euch gerade für diesen Titel entschieden?

Der Titel ist Irmi Kaiser eingefallen und für das Projekt passt er gut. Sprache ist ja etwas zutiefst Soziales, die Wahl bzw. Kompetenz (in) einer Varietät kann aber die Voraussetzungen stark beeinflussen, ob man in gewissen sozialen Gruppen aufgenommen wird oder eben nicht. Das ist zwar ganz natürliches menschliches Sozialverhalten – anpassen an die Ingroup, abgrenzen von der Outgroup – problematisch wird es aber dann, wenn dieses Verhalten aufgrund stereotyper Einstellungen zu einer Ungleichbehandlung einer Sozialgruppe führt, z. B. in der Schule.

Mit dem Zusatztitel eures Projekts habt ihr euch ambitionierte Ziele gesteckt. Welche Möglichkeiten gibt es, sprachliche Vielfalt zu erforschen, zu reflektieren und auszubauen?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wir können glücklicherweise auf die Erfahrung vorangehender Forschungsprojekte zurückgreifen. Vor allem in den USA aber auch in Großbritannien wurden schon mehrmals Projekte ähnlichen Inhalts durchgeführt, und das mit tollen Ergebnissen. Hier wurden die Einstellungen zu Varietäten von Minderheitengruppen – häufig handelte es sich dabei um Sprecher/innen afroamerikanischer Varietäten des Englischen – bewusst gemacht und im Schulkontext reflektiert. Dieses didaktische Vorgehen nennt man den critical awareness approach. Diese Projekte führten zu vergrößerter Toleranz unterschiedlicher Sozialgruppen im Klassenraum, zu verbessertem Lernklima und besseren Leistungen der zuvor sprachlich und anderweitig diskriminierten Gruppen. Diese Ergebnisse haben uns motiviert, dies auch im bairischsprachigen Raum auszuprobieren, damit wird das südöstliche deutschsprachige Gebiet bezeichnet, das Teile Bayerns, Österreich – außer Vorarlberg – und Südtirol umfasst. Die Materialien selbst verändern dabei potentiell nicht nur die Einstellungen der deutschsprachigen Kinder untereinander, sondern ändern auch die Toleranz in Bezug zu Einwanderervarietäten.

Für das Projekt erstellt ihr auch Schulunterlagen. Wie reagieren Schüler*innen und Lehrer*innen auf euer Projekt?

Mit unseren Materialien versuchen wir unterschiedliche Themen anzusprechen, z. B. was Sprache und Varietätenwahl mit der persönlichen Identitätsbildung zu tun haben, dass Dialekte genauso regelhaft sind wie die Standardsprache, dass Dialekte alt, aber auch lebendig sind, und welche Vorteile es gesellschaftlich mit sich bringt, wenn man sich in unterschiedlichen Varietäten bewegen kann – und dazu gehören sowohl die Standardsprache als auch die Jugendsprache – nice, oder? 

Reaktionen sind bisher überaus positiv. Vor allem bei den Lehrkräften bemerkt man, dass dieses Thema vielen ein persönliches Anliegen ist. Wie die Materialien auf SuS wirken, kann ich noch nicht wirklich sagen, da wir sie erst unvollständig mit wenigen Kindern pilotiert haben.

Warum ist es wichtig, dass der Dialekt mehr Raum in der Schulbildung einnimmt? 

Bei uns geht es gar nicht darum, dem Dialekt mehr Raum in der Schulbildung zu geben. Wir wollen vielmehr die stereotypen Einstellungen gegenüber Sprecher/innen, die Dialekt, Hochdeutsch oder mit einem Akzent Deutsch sprechen, verändern, da aus linguistischer Sicht generell keine Varietät besser ist als eine andere. Entsprechende Vorurteile können aber zu diskriminierenden Handlungen im sozialen Gefüge etwa einer Schulklasse führen. Daneben fände ich es gar nicht verkehrt, in der Schule auch etwas über Dialekte zu lernen – die sind ja immerhin die Muttersprache vieler Österreicher/innen. Ist doch irgendwie eigenartig, dass man in der Sekundarstufe zwar mindestens zwei oder auch mehr Fremdsprachen erlernen soll, die eigene Muttersprache aber völlig vernachlässigt.

Und noch ein paar Fragen, die wir einem Dialektforscher schon immer stellen wollten:

Wie nennst du den Gegenstand, mit dem man Krümel vom Boden auf einen kleinen Spaten fegt?

Kehrschaufel

Kannst du uns das transkribieren?

Sowieso: [ˈkɛ͜aʃa͜ʊfal]

Was ist dein liebster Dialektspruch?

„Wos woas denn i?“

Gibt es eine linguistische Antwort, warum so viele Nicht-Österreicher*innen ausgerechnet den ungewöhnlichen Begriff ‚Oachkatzlschwoaf‘ nachsprechen müssen?

Eine linguistische wahrscheinlich nicht, aber womöglich eine unrühmliche soziolinguistische. Manche Menschen finden es offenbar erheiternd, wenn man Nicht-Bairischsprachigen Diphthonge vorsetzt, die sie selbst nicht erworben haben und daher nicht aussprechen können. Das ist ungefähr so, wie wenn man von einer englischsprachigen Person für die Auslautverhärtung, die man als Deutsch-Muttersprachler/in nur schwer unterdrücken kann, verarscht wird. Aber ein Schmäh muss schon einmal sein …

Mitn Redn kemman d’Leit z’somm2020-09-23T11:45:57+02:00

Regiebuch zum Jedermann

2020-09-21T09:41:22+02:00

Die Edition von Max Reinhardts „Regiebuch zum Jedermann“ ist erschienen

Mitherausgeber Harald Gschwandtner erzählt

Harald Gschwandtner ist Senior Scientist für Neuere deutsche Literatur und Redakteur des ‚Musil-Forums‘. 2019 wurde er mit einer Arbeit über Thomas Bernhard, Peter Handke und die Literaturkritik promoviert. Er forscht zur österreichischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts und arbeitet als Literaturkritiker. Außerdem ist er passionierter Tischtennisspieler.

Zuallererst herzliche Glückwünsche zum neuen Buch! Pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele ist im Wiener Hollitzer Verlag eine Edition von Max Reinhardts Regiebuch zu Hugo von Hofmannsthals Jedermann erschienen, an der du mitgearbeitet hast. Wie ist die Publikation aufgebaut? Was erwartet uns? Und vielleicht zuallererst: Was ist ein Regiebuch?

Ein Regiebuch dient dem Regisseur einer Theateraufführung als Textgrundlage für seine Inszenierung; er notiert darin Bemerkungen zur Personenführung, zum Sprechtempo, zu Requisiten und vielen anderen Dingen, die auf der Bühne stattfinden. Die Ausgabe, die wir nun veröffentlicht haben, ist in zwei Bänden aufgebaut. Der erste Band beinhaltet ein vollständiges Faksimile des Regiebuchs zum Jedermann; der zweite Band eine Transkription, also eine Abschrift der handschriftlichen Eintragungen von Max Reinhardt, einen ausführlichen Stellenkommentar und eine Einführung, in der erklärt wird, was ein Regiebuch eigentlich ist und was die Spezifika von Reinhardts Arbeitsweise als Theaterregisseur waren.

Du bist schon in die Richtung gegangen, in die ich weiterfragen möchte: Was können wir lernen, wenn wir diese Edition zur Hand nehmen? Was erfahren wir über Max Reinhardts Regiearbeit und über das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, das wir bislang nicht wussten?

Bekannt ist der Jedermann ja vor allem als das erste Theaterstück, das bei den Salzburger Festspielen im Jahr 1920 aufgeführt wurde. Das edierte Regiebuch macht nun zum einen die doch längere Geschichte des Jedermann zugänglich, die 1911 in Berlin mit der Uraufführung im Zirkus Schumann beginnt, dann in Salzburg prominent weitergeht und später in New York bei einem Gastspiel der Reinhardt-Bühnen im Century Theatre 1927 fortgeführt wird. Zum anderen können wir anhand der Edition zeigen, dass auch andere Aufführungen des Jedermann Spuren in dem Regiebuch hinterlassen haben. Der Jedermann ging immer wieder auf Tournee und wurde in andere Theater übernommen. Man kann durch Eintragungen von Schauspielernamen sehen, dass er auch bei weniger prominenten Aufführungen, beispielsweise 1914, 1915 in Berlin wieder Eintragungen gemacht hat.

Das heißt, Reinhardt hatte das Regiebuch immer dabei?

Er hat es vermutlich immer herangezogen, wenn er den Jedermann inszeniert hat. Es sind mehr als ein Dutzend Aufführungen des Stücks in der Regie von Reinhardt dokumentiert, neben Berlin, Salzburg und New York etwa Gastspiele in Hamburg, Budapest, Prag und Basel, aber auch Inszenierungen in diversen Berliner Theatern vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Edition ist ein kollaboratives Projekt gewesen. Es zeichnen insgesamt vier Herausgeber_innen verantwortlich. Wie hat der gemeinsame Arbeitsprozess ausgesehen? Was braucht es, um eine solche Edition zu machen?

Als Erstes braucht es die Arbeit am Objekt im Archiv oder mit einem hochlösenden Scan, um das Original zu schonen. Ein wichtiger Arbeitsschritt ist die genaue philologische Transkription von Max Reinhardts handschriftlichen Eintragungen in das Regiebuch gewesen. Dann war es aber auch so, dass Norbert Wolf und ich als Germanisten sehr viel von der theaterwissenschaftlichen Expertise der beiden Mitherausgeberinnen Evelyn Annuß und Edda Fuhrich lernen konnten. Als Literaturwissenschaftler und Philologe kann man vieles nicht so genau zuordnen, Einträge nicht immer klar referenzieren: Was bedeutet dieser Eintrag hier genau? Wie kann man das historisch einordnen? Was hat das mit der zeitgenössischen Bühnenpraxis zu tun?

Ihr habt die zwei Bände kürzlich bei den Salzburger Festspielen offiziell vorgestellt. Schaust du dir den Jedermann heuer im Jubiläumsjahr an?

Ich habe die Generalprobe am Domplatz gesehen, die dann aus Wettergründen auch im Fernsehen gesendet wurde, weil die tatsächliche Premiere wegen eines Gewitters ins Große Festspielhaus ausweichen musste.

Und? Würdest du sagen, dass der Jedermann 2020 auf der Bühne noch in Bezug zu Max Reinhardts Regiepraxis steht?

Das ist schwierig zu sagen. Man sieht in der Gegenüberstellung, welche technischen Möglichkeiten es mittlerweile gibt: zur Übertragung von Sprache, dann, was Videokonzepte angeht, aber auch einfach die Größe des Ganzen. Die Uraufführung von 1920, also noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit muss man sich auf einer improvisierten Bretterbühne vorstellen, mit zusammengezimmerten Holzplanken aus früheren Kriegsgefangenenlagern. Es war ein einfacher Bretteraufbau vor dem Dom; inzwischen gibt es natürlich eine sehr viel größere und aufwändigere Kulisse, eine viel größere Anzahl an dramaturgischen Effekten. Das ist kaum zu vergleichen. Faszinierend ist damals wie heute, dass gewissermaßen der Stadtraum am und um den Domplatz zur erweiterten Bühne wird.

Nachdem dieses Projekt seinen glücklichen Abschluss gefunden hat – was steht jetzt auf dem Programm? Woran arbeitest du gerade?

Momentan arbeite ich an der Drucklegung meiner Dissertation und bereite das Manuskript für den Verlag vor. Das Buch soll unter dem Titel Strategen im Literaturkampf. Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik Ende des Jahres im Böhlau-Verlag erscheinen.

Also dürfen wir uns schon jetzt auf dein nächstes Buch freuen – alles Gute für die Zielgerade!

Regiebuch zum Jedermann2020-09-21T09:41:22+02:00

Irmtraud Kaiser

2020-08-04T10:04:39+02:00

Irmtraud Kaiser

Irmtraud Kaiser ist Universitätsassistentin für germanistische Sprachwissenschaft. In diesem Gebiet erhielt sie 2016 auch den Hugo-Moser-Förderpreis. Die stellvertretende Fachbereichsleiterin und ‚Heldin der Fernlehre‘ weiß, was in unseren Köpfen vor sich geht, wenn wir Sprachen lernen und rät uns, immer wieder über den Tellerrand hinauszublicken.

Du forschst und lehrst unter anderem in den Bereichen Leseverstehen und Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache. Was interessiert dich daran besonders?

Mich interessiert Sprache nicht (nur) als abstraktes System, sondern vor allem als etwas, das Menschen (und damit v.a. Gehirne) lernen und anwenden. Das verbindet eigentlich alle meine Forschungsinteressen. Besser verstehen zu wollen, was wir (kognitiv und sozial) tun, wenn wir Sprache verwenden, sei es beim Lesen, beim Lernen einer neuen Sprache oder bei der (bewussten oder unbewussten) Wahl einer Sprachvarietät, treibt mich an und fasziniert mich. Wenn wir das verstehen, können wir auch besser verstehen, warum Sprache so funktioniert, wie sie es tut. Und weil ich glaube, dass das z.B. auch für angehende (Deutsch-)LehrerInnen ganz zentral ist, lehre ich auch gerne zu diesen Themen 🙂

Warum ist es für viele Schüler*innen eigentlich so schwer, (deutsche) Grammatik zu lernen?

Diese Frage klingt simpel, hat aber mehrere verschiedene Ebenen, auf die ich eingehen muss!

Denn was meinen wir überhaupt, wenn wir „Grammatik lernen“ sagen? Geht es darum, dass jemand grammatisch korrekt sprechen oder schreiben kann? Oder geht es darum, dass jemand etwas über die deutsche Grammatik weiß und darüber (evtl. auch mit den korrekten Termini) Auskunft geben kann?

Das grammatische System unserer Erstsprache (sei es österreichisches Standarddeutsch, ein bestimmter Dialekt oder irgendeine andere Sprache/Varietät) lernen wir ja ‚automatisch‘ – es ist ein jahrelanger Prozess, wird aber normalerweise nicht als mühsam empfunden, weil wir uns damit in der Regel nicht bewusst beschäftigen müssen. Anders sieht es aus – das wissen wir alle –, wenn ich eine Fremdsprache lerne oder auch, wenn ich konzeptionell schriftliche Texte in korrektem Standarddeutsch schreiben soll. Auch da geht vieles ‚nebenbei‘, wenn ich viel passenden ‚Input‘ bekomme, also z.B. viel (Anspruchsvolles) lese (Fachtexte, Literatur), aber eben nicht alles und nicht für alle gleich gut, selbst wenn Deutsch die Erstsprache ist.

Eine noch einmal ganz andere Geschichte ist das „Wissen ÜBER Grammatik“. Grammatik scheint nicht nur bei Schüler/inne/n, sondern sogar bei Germanistik-Studierenden einen schlechten Ruf zu haben 😉 Das hat wohl u.a. damit zu tun, dass meiner Meinung nach in der Schule wahrscheinlich zu früh mit ganz abstrakten Themen (wie Wortarten und Satzgliedern) begonnen wird, und diese auch ganz abstrakt (und häufig auch nicht sprachwissenschaftlich korrekt) vermittelt werden und die Schüler/innen häufig auch nicht wissen, was das mit ihrer eigenen Sprachverwendung zu tun hat. Dabei wäre es aus meiner Sicht sinnvoller, zunächst nur anwendungsbezogene Grammatik in der Schule zu unterrichten (z.B. wie erkenne ich Wörter, die ich großschreiben muss; wie finde ich heraus, wo ich einen Beistrich setzen muss; wie kann ich meine Sätze/Texte abwechslungsreich gestalten). In der Oberstufe dann wären die meisten kognitiv so weit, sich auch auf abstrakterer Ebene mit Grammatik auseinanderzusetzen, aber da wird das ja nach momentanem Lehrplan nicht mehr gemacht. Dabei gäbe es da durchaus spannende Themen und Methoden. (Ihr seht, über dieses Thema könnte ich mich noch länger auslassen…).

Du wurdest von der Studienrichtungsvertretung Lehramt als „Heldin der Fernlehre“ prämiert – was sind deine Tipps für Lehren und Studieren in Zeiten des ‚social distancing‘?

Ich muss sagen, ich habe das Semester als extrem anstrengend, herausfordernd und die Lehre für mich persönlich als nicht so befriedigend empfunden wie sonst, obwohl ich mich sehr bemüht habe. Umso mehr hat mich der Preis gefreut, der mir gezeigt hat, dass meine Bemühungen wahrgenommen wurden und manches auch in der Wahrnehmung der Studierenden gut geklappt hat.

Tipps möchte ich nicht direkt geben, aber ich kann sagen, was für mich gut funktioniert hat. Ich habe von Anfang an versucht, immer den Kontakt zu den Studierenden zu halten und viel mit ihnen zu kommunizieren – über viele Mails, Ankündigungen und klare Instruktionen auf Blackboard etc. Ich glaube, dass sich einige Studierende sehr verloren gefühlt haben ohne die normale Zeitstruktur und den direkten Kontakt zu KollegInnen und den Lehrenden. Ich habe versucht, den ‚Stoff‘, das Material und die Aufgaben dazu so abwechslungsreich zu gestalten, wie es eben unter den Umständen ging, also nicht nur Lesestoff zu geben, sondern (von mir besprochene) Powerpoints, Videos, später eben dann auch von Studierenden gestaltete Präsentationen, Blackboard-Quizzes, Lese-Tagebücher, ‚Lern-Module‘ auf BB, Diskussionsforen usw. Da habe ich jede Woche selbst ein bisschen was dazugelernt. Das große Manko der Online-Lehre ist und bleibt für mich aber die fehlende unmittelbare Face-to-face-Interaktion in der Gruppe und die kann man meiner Meinung nach (noch) mit keinen technischen Mitteln der Welt adäquat herstellen. Deshalb hoffe ich, dass es im Wintersemester wenigstens teilweise mit der Präsenz-Lehre klappt.

Was würdest du jedem Studienanfänger, jeder Studienanfängerin mit auf den Weg geben wollen?

Schau auch mal über den Tellerrand und hör dir Lehrveranstaltungen an, die du nicht unbedingt brauchst, aber die dich interessieren könnten. Hab den Mut, auch Unbekanntes auszuprobieren. Aber studiere letztlich nur das Fach bzw. die Fächer, die dich wirklich interessieren und die deinen Ehrgeiz und deine Begeisterung wecken!

Meine Lieblingsserie ist…

… da gibt es einige. Ich mochte z.B. Breaking Bad, House of Cards (außer die letzte Staffel, da hab ich aufgegeben), Downton Abbey, aber auch schräge und/oder ‚leichte‘ Sachen wie The Big Bang Theory, Santa Clarita Diet oder Unbreakable Kimmy Schmidt. Ich hab auch alle Staffeln von Friends zuhause und finde sie immer noch gut 🙂 Ein paar gute österreichische Sachen gibt es auch: Braunschlag, MA 2412 und die beste Serie bleibt sowieso Ein echter Wiener geht nicht unter.

Das beste schlechte Buch, das ich gelesen habe, war…

… Bad Science von Ben Goldacre (ein tolles Buch über schlechte Wissenschaft)

Mehr zu Irmtraud Kaiser

Irmtraud Kaiser2020-08-04T10:04:39+02:00

Tanja Kreidenhuber

2020-07-31T14:34:35+02:00

Tanja Kreidenhuber

Studentin

Tanja Kreidenhuber studiert seit 2019 Germanistik im Bachelor. Nach einem aufgrund der COVID-19-Pandemie sehr außergewöhnlichen Semester erzählt sie von ihren Erfahrungen als Studentin.

Die meisten von uns haben im vergangenen Sommersemester viel Zeit zu Hause verbracht. Hast du in diesen Monaten ein Buch gelesen, das dich nachhaltig beeindruckt hat?

Hier muss ich tatsächlich sofort an ein bestimmtes Buch denken – Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig. In dieser für uns alle völlig neuen und unbekannten Situation über Augenblicke in der Menschheitsgeschichte zu lesen, die unsere Welt nachhaltig formten, hinterließ bei mir ein Gefühl von Staunen, Größe und auch Ehrfurcht. Vor allem Zweigs Schreibstil in Kombination mit diesen vierzehn Miniaturen konnte mich in dieser Zeit tief in seinen Bann ziehen. Ein höchst empfehlenswertes Buch!

Warum hast du mit dem Studium der Germanistik begonnen?

Deutsch war in den Jahren meiner Schulzeit neben Kunst immer mein absolutes Lieblingsfach – ich spürte mein großes Interesse an der Geschichte der Künste, vor allem wenn es um Literatur und um große Schriftstellerinnen und Schriftsteller ging. Seit ich in der Volksschule plötzlich verstanden habe, dass all die tollen Bücher, die ich so mochte, von realen Personen geschaffen worden waren und Autorinnen und Autoren ihre Geschichten so mit aller Welt teilten, wusste ich, dass nun ein Ziel fürs Leben für mich gesteckt war: Ich wollte selbst schreiben. Und das tat ich von da an unablässig – zuerst in ziemlich unleserlicher Schrift auf Zeichenblöcken, immer meine Eltern fragend, ob man auch, ohne auf dem Computer tippen zu müssen, ein Buch veröffentlichen könne. Später war der Computer dann da und auch all die Möglichkeiten, sich immer wieder auf unterschiedlichste Art und Weise kreativ auszudrücken und vor allem Inspiration aus der Umwelt zu schöpfen. Ich merkte: Unsere Kultur, unsere Geschichte und vor allem aber das aktuelle Weltgeschehen interessierten mich sehr. Mit achtzehn wusste ich schließlich, dass ich gerne in der Journalismus-Branche arbeiten würde. Ich hatte das große Glück, einen tollen Deutschlehrer zu haben, der sich mit meinen Ambitionen auseinandersetzte und mir schließlich das Germanistikstudium ans Herz legte.

Und hat das Studium im BA Germanistik deinen Erwartungen bislang entsprochen? Gab es Überraschungen?

Überraschungen gab es dahingehend, dass ich mir zu Beginn des Germanistikstudiums unter „Sprachwissenschaft“ nicht wirklich etwas Genaues vorstellen konnte, darüber aber bereits jetzt eine Fülle an Wissen kennengelernt habe, die mich den Sprachalltag plötzlich mit ganz anderen Augen sehen lassen. Was die Auseinandersetzung mit Literatur- und Kulturgeschichte angeht, entspricht das Germanistikstudium genau meinen Erwartungen – es ist unglaublich interessant gleichermaßen über den Einfluss der jeweiligen Zeit auf die Literatur und den Einfluss der Literatur auf die Gesellschaft zu lernen und sich damit aktiv auseinandersetzen zu können.

Wie hat sich die COVID-19-Pandemie auf deinen Alltag als Studentin ausgewirkt?

Um ehrlich zu sein, hat sie sich sehr stark auf meinen Alltag als Studentin ausgewirkt – was ich anfangs gar nicht gedacht hätte. Denn da war plötzlich die Nachricht: Lockdown. Universitäten ab 10. März geschlossen. Das hat nicht nur Studentinnen und Studenten wie mich vor den Kopf gestoßen, sondern die gesamte Universitätsgemeinschaft. Professorinnen und Professoren mussten sich auf einmal darauf einstellen, ihre Vorlesungen online abzuhalten, und das lief dann überall ganz unterschiedlich ab, auch was die Geschwindigkeit der Anpassung an diese neue Situation anging. Zuerst war es also fast wie eine Verschnaufpause – obwohl das Semester ja gerade erst gestartet hatte. Der plötzlichen Ruhe, die da eintrat, stand aber die große Unruhe entgegen, die sich schlagartig bildete: Das Coronavirus war jetzt wirklich in Österreich angekommen und warf unzählige Fragen auf. Eine neue Routine war für mich persönlich schnell gefunden, auch der Austausch mit meinen Studienkolleginnen und -kollegen blieb und wurde von Tag zu Tag stärker, da wir alle uns dieselben Fragen stellten. Wie lange würde der Lockdown dauern? Würden wir in diesem Semester die Uni noch einmal persönlich besuchen können? Wie würden nun die Prüfungen gehandhabt werden? Wie würde man selbst mit dem Online-Unterricht klarkommen? Ich hatte das Gefühl, dass wir uns alle in unserer gemeinsamen Unsicherheit gegenseitig Sicherheit gaben, uns auf diese neue Situation einzulassen. Das stärkte mich auf Dauer sehr. Die Corona-Krise löste nämlich viele neue Gedankenprozesse aus, gab den Weg frei für neue Betrachtungsweisen und führte auch zu neuer Kreativität und einer gewissen Spontaneität. Aber vor allem führte sie für mich persönlich zu Dankbarkeit. Ich war und bin dankbar dafür, die Corona-Krise innerhalb der Sicherheit eines Zuhauses erleben und die Zeit mit meinen Liebsten noch einmal mehr wertschätzen zu können, und dafür, die Möglichkeit zu haben, weiter meine Ziele verfolgen zu können – nicht überall auf der Welt können das die Menschen.

 

Hast du einen Tipp, was man im Sommer in Salzburg keinesfalls versäumen sollte?

Keinesfalls versäumen sollte man meiner Meinung nach, nach dem Lockdown Salzburg wieder bewusst zu genießen: Sich die Zeit zu nehmen, die Stadt vielleicht wieder neu zu entdecken, die Kunst, die Kultur und die Geschichte nach und in dieser für uns alle so anderen Situation wieder auf eine frische Art und Weise, aus einem neuen Blickwinkel und mit einem vielleicht neuen Gefühl von Dankbarkeit zu erfahren. Ob es eine Stunde im Mirabellgarten mit einem guten Buch, das Verfolgen der Stolpersteine auf den Straßen oder ein Ausflug in die Altstadt ist – in Salzburg gibt es so viel zu entdecken und zu genießen, das sollte man vor allem an schönen Sommertagen ausnutzen.

Tanja Kreidenhuber2020-07-31T14:34:35+02:00

„Hände weg von der Politik“

2020-06-04T11:25:50+02:00

Tagung: „Hände weg von der Politik!“

Stefan Zweig, Erika Mitterer und das literarische Leben in Österreich vor 1938

20.-21. April 2020 VERSCHOBEN

Edmundsburg I Europasaal Mönchsberg 2 I 5020 Salzburg

Weitere Infos
„Hände weg von der Politik“2020-06-04T11:25:50+02:00
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