Gattungen

2021-01-04T10:50:14+01:00

Werner Michler und Paul Keckeis über ihren neuen Band zu Gattungstheorie

… und darüber, was das Schnabeltier mit dem Epos und Netflix mit Literatur zu tun hat

Viele von uns haben in der Schule gelernt, dass es drei Gattungen gibt: Lyrik, Epik, Dramatik. Ist das wirklich alles?

„Das kommt darauf an“, wäre eigentlich schon die ganze Antwort … Lyrik, Epik und Dramatik sind alte, traditionsreiche Gattungsnamen, die bis heute als Oberbegriffe für die literarischen Gattungen verwendet werden. Wenn man genauer hinsieht, gibt es diese Dreierformel „Lyrik-Epik-Dramatik“ gar nicht so lange, sie wird erst um 1800 herum formuliert. Aber es gibt für die Gattungen eigentlich keine überhistorische, logische Beschreibungssprache; Gattungen sind keine Erfindung der Theorie, sondern gehören zum künstlerischen Voraussetzungssystem: Wie lang soll der Text werden, den eine Autorin schreibt, was ist das Thema, welches Publikum soll angesprochen werden, in welche Tradition soll sich der Text einreihen usw. Man kann also für bestimmte künstlerische Situationen Gattungsnamen finden; und wenn die Situationen selbst ganz neu sind, muss man auch einen neuen Namen für sie finden. So entstehen auch immer wieder neue Gattungen; und zwar nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik oder im Fernsehen, auf Netflix usw.

Ihr beide forscht seit vielen Jahren zu Themen rund um die Gattung und habt heuer, 2020, in der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft einen Band zur Gattungstheorie veröffentlicht. Was enthält der Band, und nach welchen Kriterien erfolgte eure Auswahl?

Es gibt viele Themen, die in der internationalen Gattungsdiskussion eine zentrale Rolle spielen, im deutschsprachigen Raum aber oft nur am Rand wahrgenommen werden. Wir haben unseren Band deshalb als einen Beitrag zur Internationalisierung der deutschsprachigen Gattungsdiskussion konzipiert; mit einer Ausnahme – der Text von Peter Szondi stellt einen Zusammenhang mit der deutschen Romantik her, eine etwas unvermutete Basis für die dekonstruktivistischen Ansätze in der Gattungstheorie – enthält der Band deshalb ausschließlich Beiträge aus der internationalen, insbesondere französischen und angloamerikanischen Diskussion. Die Texte, die wir ausgewählt haben, nehmen immer wieder selbst aufeinander Bezug und dokumentieren zwei Phasen (um 1980 und nach 2000), die für die neuere Gattungsdiskussion besonders prägend sind. Es war uns außerdem wichtig, nicht nur literaturwissenschaftliche Perspektiven miteinzubeziehen, sondern auch Beiträge aus der Sprachwissenschaft, der historischen Kulturwissenschaft bis hin zu den television studies zu integrieren.

Bücher schreiben bzw. zusammenstellen ist oft ein mühsamer Prozess: meistens ist man mit dem Vorwort mindestens 6 Monate im Rückstand, und auf den Fahnen stehen plötzlich Tippfehler, die man unmöglich übersehen haben kann. Aber was war euer schönster Moment in der Arbeit am Band?

Es gab eigentlich viele schöne Momente, die schönsten beim gemeinsamen Übersetzen. Wir haben sieben Texte aus dem Englischen bzw. Amerikanischen selbst übersetzt, d.h. wir haben diese Texte Wort für Wort und Satz für Satz durchgearbeitet. Dabei kann man nicht nur sehr viel lernen, es ist eben auch besonders schön, gemeinsam an Texten zu arbeiten.

In der Biologie gibt es die – wenig appetitlich klingende – Gattung der Kloakentiere, der neben den Ameisenigeln auch das Schnabeltier angehört. Als eierlegendes Säugetier mit namensgebendem Schnabel und Biberschwanz ist es zwar eigenartig, aber auch ganz schön faszinierend. Was ist denn euer persönliches Schnabeltier unter den literarischen Gattungen?

Werner: Gut, dass du das Schnabeltier nennst – das seine eigene Schönheit hat und ja nur Menschen eigenartig vorkommt. (Was sagen die Schnabeltiere eigentlich über uns? Das wollen wir gar nicht hören.) Für Darwin war das Schnabeltier ein lebendes Fossil, aus der Zeit der Evolution gefallen. Ich mag literarische Gattungen, die nicht zeitgemäß sind, ‚nicht mehr passen‘, mit denen ‚es vorbei ist‘ und die trotzdem noch da sind, mühsam, lästig, ein wenig lächerlich, unpassend, aber ihr eigenes unzeitgemäßes Potenzial bewahrend. Das Versepos zum Beispiel, ‚anachronistisch‘ seit vielen Jahrhunderten (wie vielen eigentlich?). Aber hat nicht der karibische Dichter Derek Walcott vor allem für Omeros 1992 den Nobelpreis erhalten? Und hat nicht ein Versepos 2020 den Deutschen Buchpreis gewonnen – Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber, über die französische Résistancekämpferin Anne Beaumanoir?

Paul: Das „Tagebüchelige“; das ist eine Gattung, die Robert Walser erfunden hat; es ist nicht wirklich ein Tagebuch, man muss es zB nicht datieren, aber es funktioniert ganz ähnlich; man kann im „Tagebücheligen“ über sich selbst nachdenken, aber das Entscheidende ist, dass man sich unbedingt über sich selbst lustig machen muss.

Werner MichlerUniv.-Prof. Dr.
Werner Michler ist Professor für neuere deutsche Literatur am Fachbereich Germanistik der PLUS, Teil der Fachbereichsleitung, Studiengangsleiter des Unterrichtsfachs Deutsch im Cluster Mitte (Salzburg/Oberösterreich) und, gemeinsam mit Hildegard Fraueneder, Leiter des Programmbereichs „Figurationen des Übergangs“ am interuniversitären Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Theorie und Geschichte der literarischen Gattungen, Literatur und Naturwissenschaft, Geschichte und Theorie der literarischen Übersetzung, deutschsprachige, insb. österreichische Literatur des 18.-21. Jahrhunderts und literarische Bildung.

Paul KeckeisMag. Dr.
Paul Keckeis ist Postdoc-Assistent am Institut für Germanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Von 2013-2017 war er Universitätsassistent am Fachbereich Germanistik der PLUS. Für seine Dissertation ‚Robert Walsers Gattungen‘ erhielt er den Wendelin Schmidt-Dengler-Preis, den Jubiläumspreis des Böhlau Verlages und den Innsbrucker Literaturpreis. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Literatur der klassischen Moderne, deutschsprachige Lyrik, insb. des 19. Jahrhunderts, DDR-Literatur, Gattungstheorie und Geschichte der marxistischen Ästhetik. Derzeit arbeitet er an seinem Habilitationsprojekt zur (insb. österreichischen) Lyrik zwischen 1830 und 1860.

Gattungen2021-01-04T10:50:14+01:00

Codex Manesse

2020-11-25T15:55:53+01:00

Der Codex Manesse

Eine hoch geschätzte Handschrift mit unterschätzten Dichtern

Der größten und bedeutendsten mittelhochdeutschen Lyrikhandschrift widmet sich Anna Kathrin Bleuler in einem neuen Projekt. Die Handschrift soll dabei mit frischem Blick betrachtet werden, um neue Erkenntnisse über die Anordnung der Sammlung und der Autoren zu gewinnen. Ein Interview mit Anna Kathrin Bleuler.

Der Codex Manesse ist die bekannteste und umfassendste Sammlung mittelhochdeutscher Lyrik; ein unschätzbarer Wert für die Forschung. Doch was überrascht DICH ganz besonders im Umgang mit dieser Handschrift? 

Der Codex Manesse ist 2019 von der UNESCO als Weltdokumentenerbe nominiert worden. Trotzdem gibt es in dieser Handschrift einen ziemlich großen Anteil an Texten, der bis heute weitgehend unerforscht ist. Zu den Werken mancher Autoren liegen lediglich rudimentäre Lexikoneinträge vor; manche Werke sind bis heute unediert und nur in Form von Faksimiles (Handschriftenkopien) und Transkriptionen (Handschriftenabschriften) zugänglich. Eine Beschäftigung mit dem Inhalt dieser Werke hat bislang nicht stattgefunden. Das Problem reicht ins 19. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit wurde auf der Basis nationalästhetischer Werturteile eine Auswahl an Dichtern getroffen, die als wichtig angesehen wurden; mit diesen Dichtern fand fortan eine eingehende Auseinandersetzung statt; andere Autoren des Codex Manesse blieben dagegen weitgehend unberücksichtigt. Dieser Kanonisierungsprozess wurde bis heute nicht wirklich revidiert.

Kannst du das anhand eines Beispiels verdeutlichen?

In einer Seminargruppe, in der wir die Projektarbeit etwas vorbereiten, übersetzen und diskutieren wir Werke solcher wenig erforschter Autoren aus dem Codex Manesse. Darunter fällt auch der Dichter „Winli“, dessen Gedichte 1886 von dem Germanisten Karl Bartsch herausgegeben wurden. Schaut man sich „Winlis“ Werk nun probehalber im Codex Manesse an, stellt man fest, dass es dort einige Strophen mehr umfasst als in Bartschs Ausgabe. D.h. Bartsch hat in seiner Ausgabe kommentarlos einige Strophen weggelassen – womöglich, weil er sie für ‚unecht‘ gehalten hat. Das Frappierende ist nun, dass im Verfasserlexikon, dem Nachschlagewerk des Mittelalters – das in der ersten Hälfte des 20. Jh. entstanden und im 21. Jh. noch einmal gründlich überarbeitet wurde – diese Haltung vorbehaltslos übernommen wird: Im Eintrag zu „Winli“ heißt es dort ohne jede Begründung: Einige Strophen, die der Codex Manesse unter „Winlis“ Namen überliefert, seien nicht diesem Autor zuzuschreiben; und weiter: „Winlis“ Œuvre habe „nichts Außergewöhnliches“ zu bieten. Dies wiederum ist ein Werturteil, das fast wörtlich aus einem Lexikoneintrag des 19. Jh.s übernommen wurde.

Einmal abgesehen davon, dass solche Urteile keinen analytischen Mehrwert für die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung haben, illustriert dieses Beispiel genau das, was ich vorhin gemeint habe: Nämlich dass die nationalästhetische Literaturwissenschaft des 19. Jh.s bis heute Auswirkungen auf die Auswahl und Bewertung von mittelalterlichen Artefakten hat.

Die Handschrift enthält nicht nur Gedichte, sondern auch eine Vielzahl an Illustrationen. Es ist also zusätzlich ein Schatz mittelalterlicher Buchmalerei. Gibt es ein Bild, das dich immer wieder aufs Neue erstaunt?

Mich fasziniert ausnahmslos jedes Bild, deshalb greife ich einfach einen Aspekt heraus: Bei den Bildern handelt es sich um Portraits der Autoren. Die Bilder zeigen den Autor oft als Schöpfer von Dichtkunst in meditierender Haltung. Unter den 137 Abbildungen des Codex Manesse findet sich interessanterweise nur eine einzige, die den Autor als Vermittler der Dichtkunst darstellt. Hierbei handelt es sich um das Autorenbild zum Œuvre Reinmars des Fiedlers, das den Autor als musizierenden Vortragskünstler zeigt.

Die Darstellung scheint aus dem Namenszusatz ‚der Fiedler‘ motiviert zu sein. Geht man davon aus, dass die mittelhochdeutschen Lyriker nicht nur Dichter, sondern auch Komponisten, Musiker und Sänger waren, überrascht das weitgehende Fehlen von Bildern, die den Autor in der Vermittlerrolle zeigen. Dieser Befund korrespondiert damit, dass der Codex Manesse keine Melodienaufzeichnungen enthält. Offenbar handelt es sich hier um einen Handschriftentypus, für den die Illustration der mündlich-musikalischen Seite der Lyrik eher nachranging war.

Das Projekt wird die Handschrift genauer unter die Lupe nehmen. In welcher Hinsicht wurde sie noch zu wenig erforscht?

Es gibt detaillierte codicologische (handschriftenkundliche) und paläografische (schriftkundliche) Untersuchungen, die zeigen, dass die Pergamentlagen, auf denen die Werke notiert worden waren, im Zuge der Herstellung des Codex umgeordnet und z.T. sogar auseinandergetrennt und neu zusammengefügt wurden. Etliche Doppelblätter wurden zerschnitten und in anderer Anordnung wieder zusammengenäht. Diese bewusste Gestaltung weist darauf hin, dass es den Redakteuren bei der Herstellung des Codex darum ging, die Autoren in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen. Dieser Befund ist inhaltlich bislang gänzlich unerforscht.

In unserem Projekt, an dem neben der Universität Salzburg auch die Universität Konstanz beteiligt ist, werden wir einzelne Handschriftensegmente herausgreifen und nach dem Zustandekommen solcher Gruppierungen fragen. Sind diese gemeinsam überliefert, wurden sie gemeinsam rezipiert, gibt es dichterische Parallelen?

Diese Kontextualisierung wird grundlegende Erkenntnisse über den Sammlungsaufbau sowie das literaturgeschichtliche Wissen, das sich darin abbildet, hervorbringen. Des Weiteren erwarten wir Hinweise auf Vorlagen dieser Handschrift. Das Projekt wird damit einen maßgeblichen Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Codex leisten.

Das Projekt startet im März 2021, wie werden die ersten Schritte aussehen?

Wir hoffen, dass es bis dahin wieder möglich sein wird, zu reisen und einander persönlich zu treffen. Als erstes werden wir – meine Projektmitarbeiter Claudia Kraml, Dominik Nießl und ich – uns mit unserem deutschen Projektpartner, Andreas Hammer (Universität Konstanz), und dessen Mitarbeiterin in einem Biergarten treffen und auf die erfolgreiche Projekteinreichung bei den Forschungsförderungsinstitutionen FWF und DFG anstoßen.

An dem Projekt arbeiten nicht nur Literaturwissenschaftler*innen, sondern auch Historiker*innen und Codicolog*innen etc. Was erwartest du dir von dem interdisziplinären Austausch?

Erkenntnisse in Bezug auf Fragen, die meinen eigenen Kompetenzbereich übersteigen. In Bezug auf den Codex Manesse gibt es viele solche offenen Fragen, z.B. zu den Schreiberhänden, zu späteren Bearbeitungen der Bilder oder zur Parallelüberlieferung der Texte in anderen Handschriften. Um solche Fragen mit Fachpersonen besprechen zu können, haben wir internationale Kooperationsvereinbarungen mit Vertretern aus der Handschriftenkunde, der Paläographie, der Lyriküberlieferung und der Kunstgeschichte getroffen. Und nicht zuletzt werden wir die Forschungsergebnisse für eine digitale Nachnutzung aufbereiten, wofür wir mit Experten der Digital Humanities zusammenarbeiten.

Das Autorenbild von ‚Reinmar dem Fiedler‘. Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, 312r.

Infobox Codex Manesse

Der Codex-Manesse ist die umfangreichste und bedeutendste Handschrift mittelhochdeutscher Lyrik. Sie enthält 140 Dichtersammlungen und 137 Bilder. Die Handschrift wurde um 1300 in Zürich angefertigt und befindet sich heute in der Universitätsbibliothek in Heidelberg.

Umfang: 426 Blätter, doppelseitig beschrieben

Material: Pergament

Maße: 35,5x25cm

Anna Kathrin Bleuler (rechts)  mit ihren beiden Mitarbeiter*innen, Claudia Maria Kraml und Dominik Nießl. 

Infobox Projekt

Das Projekt möchte den Sammlungsaufbau der Handschrift erforschen. Ziel ist es, Informationen über die Handschrift aus dem Bereich der Kunstgeschichte, Codicologie, Geschichte und Literaturwissenschaft zu verbinden, um neue Erkenntnisse zu Gliederung und Anordnungskriterien der Sammlung zu gewinnen.

Weitere Infos

Codex Manesse2020-11-25T15:55:53+01:00

Mitn Redn kemman d’Leit z’somm

2020-09-23T11:45:57+02:00

„Mitn Redn kemman d’Leit z’somm“

Mit Kindern die sprachliche Vielfalt in der Euregio Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein erforschen, reflektieren und ausbauen

Auszug des Lehrmaterials

Eugen Unterberger stellt ein Kooperationsprojekt zwischen Schulen in Bayern und Salzburg vor, welches das Bewusstsein für die sprachliche Vielfalt im Klassenzimmer fördern soll.

Kannst du für uns Projektidee und -ziel kurz zusammenfassen? Und welche Ergebnisse erwartest du?

Wir wollen durch Bewusstmachung stereotyper Einstellungen, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Sprachvarietäten (Ausprägungen einer Einzelsprache, beispielsweise Standard und Dialekt, Anm. d. Red.) verankert sind, Reflexionsprozesse bei Schülerinnen und Schülern (SuS) anregen, sodass sie ihre Einstellungen überprüfen, evaluieren und gegebenenfalls ändern können. Es gibt nämlich Vorbehalte von beiden Seiten: Dialektsprechende werden zwar als gemütlich, aber auch als ungebildet und derb empfunden; Hochdeutschsprechende hingegen als gebildet, aber auch unfreundlich und hochnäsig. Das ist unter anderem deswegen schade, weil diese Vorurteile in beiden Gruppen Vorbehalte gegenüber der jeweils anderen Varietät schüren. Dabei birgt die Situation der Varietätenvielfalt unserer Region das Potential, innere Mehrsprachigkeit zu entwickeln, also kompetent unterschiedliche Ausprägungen einer Einzelsprache zu beherrschen. Das scheint ähnliche Vorteile zu haben, wie es von der äußeren Mehrsprachigkeit bekannt ist, wenn man kompetent mehrere Einzelsprachen spricht. Dieses Potential wollen wir bewusst und nutzbar machen.

Ideal wäre, wenn wir einen Abbau der stereotypen Einstellungen und vergrößertes Differenzbewusstsein Sprachvarietäten gegenüber messen würden.

Dies könnte in weiterer Folge zu mehr Toleranz gegenüber Sprecher/innen anderer Varietäten, verbesserter Chancengleichheit und einem besseren Klassen- und Lernklima führen. Eventuell könnte dies sogar eine Verbesserung der Kompetenz in der Standardsprache und im Dialekt bei manchen SuS anregen.

Euer Projekt nennt sich „Mitn Redn kemman d’Leit z’somm.“ Wieso habt ihr euch gerade für diesen Titel entschieden?

Der Titel ist Irmi Kaiser eingefallen und für das Projekt passt er gut. Sprache ist ja etwas zutiefst Soziales, die Wahl bzw. Kompetenz (in) einer Varietät kann aber die Voraussetzungen stark beeinflussen, ob man in gewissen sozialen Gruppen aufgenommen wird oder eben nicht. Das ist zwar ganz natürliches menschliches Sozialverhalten – anpassen an die Ingroup, abgrenzen von der Outgroup – problematisch wird es aber dann, wenn dieses Verhalten aufgrund stereotyper Einstellungen zu einer Ungleichbehandlung einer Sozialgruppe führt, z. B. in der Schule.

Mit dem Zusatztitel eures Projekts habt ihr euch ambitionierte Ziele gesteckt. Welche Möglichkeiten gibt es, sprachliche Vielfalt zu erforschen, zu reflektieren und auszubauen?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wir können glücklicherweise auf die Erfahrung vorangehender Forschungsprojekte zurückgreifen. Vor allem in den USA aber auch in Großbritannien wurden schon mehrmals Projekte ähnlichen Inhalts durchgeführt, und das mit tollen Ergebnissen. Hier wurden die Einstellungen zu Varietäten von Minderheitengruppen – häufig handelte es sich dabei um Sprecher/innen afroamerikanischer Varietäten des Englischen – bewusst gemacht und im Schulkontext reflektiert. Dieses didaktische Vorgehen nennt man den critical awareness approach. Diese Projekte führten zu vergrößerter Toleranz unterschiedlicher Sozialgruppen im Klassenraum, zu verbessertem Lernklima und besseren Leistungen der zuvor sprachlich und anderweitig diskriminierten Gruppen. Diese Ergebnisse haben uns motiviert, dies auch im bairischsprachigen Raum auszuprobieren, damit wird das südöstliche deutschsprachige Gebiet bezeichnet, das Teile Bayerns, Österreich – außer Vorarlberg – und Südtirol umfasst. Die Materialien selbst verändern dabei potentiell nicht nur die Einstellungen der deutschsprachigen Kinder untereinander, sondern ändern auch die Toleranz in Bezug zu Einwanderervarietäten.

Für das Projekt erstellt ihr auch Schulunterlagen. Wie reagieren Schüler*innen und Lehrer*innen auf euer Projekt?

Mit unseren Materialien versuchen wir unterschiedliche Themen anzusprechen, z. B. was Sprache und Varietätenwahl mit der persönlichen Identitätsbildung zu tun haben, dass Dialekte genauso regelhaft sind wie die Standardsprache, dass Dialekte alt, aber auch lebendig sind, und welche Vorteile es gesellschaftlich mit sich bringt, wenn man sich in unterschiedlichen Varietäten bewegen kann – und dazu gehören sowohl die Standardsprache als auch die Jugendsprache – nice, oder? 

Reaktionen sind bisher überaus positiv. Vor allem bei den Lehrkräften bemerkt man, dass dieses Thema vielen ein persönliches Anliegen ist. Wie die Materialien auf SuS wirken, kann ich noch nicht wirklich sagen, da wir sie erst unvollständig mit wenigen Kindern pilotiert haben.

Warum ist es wichtig, dass der Dialekt mehr Raum in der Schulbildung einnimmt? 

Bei uns geht es gar nicht darum, dem Dialekt mehr Raum in der Schulbildung zu geben. Wir wollen vielmehr die stereotypen Einstellungen gegenüber Sprecher/innen, die Dialekt, Hochdeutsch oder mit einem Akzent Deutsch sprechen, verändern, da aus linguistischer Sicht generell keine Varietät besser ist als eine andere. Entsprechende Vorurteile können aber zu diskriminierenden Handlungen im sozialen Gefüge etwa einer Schulklasse führen. Daneben fände ich es gar nicht verkehrt, in der Schule auch etwas über Dialekte zu lernen – die sind ja immerhin die Muttersprache vieler Österreicher/innen. Ist doch irgendwie eigenartig, dass man in der Sekundarstufe zwar mindestens zwei oder auch mehr Fremdsprachen erlernen soll, die eigene Muttersprache aber völlig vernachlässigt.

Und noch ein paar Fragen, die wir einem Dialektforscher schon immer stellen wollten:

Wie nennst du den Gegenstand, mit dem man Krümel vom Boden auf einen kleinen Spaten fegt?

Kehrschaufel

Kannst du uns das transkribieren?

Sowieso: [ˈkɛ͜aʃa͜ʊfal]

Was ist dein liebster Dialektspruch?

„Wos woas denn i?“

Gibt es eine linguistische Antwort, warum so viele Nicht-Österreicher*innen ausgerechnet den ungewöhnlichen Begriff ‚Oachkatzlschwoaf‘ nachsprechen müssen?

Eine linguistische wahrscheinlich nicht, aber womöglich eine unrühmliche soziolinguistische. Manche Menschen finden es offenbar erheiternd, wenn man Nicht-Bairischsprachigen Diphthonge vorsetzt, die sie selbst nicht erworben haben und daher nicht aussprechen können. Das ist ungefähr so, wie wenn man von einer englischsprachigen Person für die Auslautverhärtung, die man als Deutsch-Muttersprachler/in nur schwer unterdrücken kann, verarscht wird. Aber ein Schmäh muss schon einmal sein …

Mitn Redn kemman d’Leit z’somm2020-09-23T11:45:57+02:00

Regiebuch zum Jedermann

2020-09-21T09:41:22+02:00

Die Edition von Max Reinhardts „Regiebuch zum Jedermann“ ist erschienen

Mitherausgeber Harald Gschwandtner erzählt

Harald Gschwandtner ist Senior Scientist für Neuere deutsche Literatur und Redakteur des ‚Musil-Forums‘. 2019 wurde er mit einer Arbeit über Thomas Bernhard, Peter Handke und die Literaturkritik promoviert. Er forscht zur österreichischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts und arbeitet als Literaturkritiker. Außerdem ist er passionierter Tischtennisspieler.

Zuallererst herzliche Glückwünsche zum neuen Buch! Pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele ist im Wiener Hollitzer Verlag eine Edition von Max Reinhardts Regiebuch zu Hugo von Hofmannsthals Jedermann erschienen, an der du mitgearbeitet hast. Wie ist die Publikation aufgebaut? Was erwartet uns? Und vielleicht zuallererst: Was ist ein Regiebuch?

Ein Regiebuch dient dem Regisseur einer Theateraufführung als Textgrundlage für seine Inszenierung; er notiert darin Bemerkungen zur Personenführung, zum Sprechtempo, zu Requisiten und vielen anderen Dingen, die auf der Bühne stattfinden. Die Ausgabe, die wir nun veröffentlicht haben, ist in zwei Bänden aufgebaut. Der erste Band beinhaltet ein vollständiges Faksimile des Regiebuchs zum Jedermann; der zweite Band eine Transkription, also eine Abschrift der handschriftlichen Eintragungen von Max Reinhardt, einen ausführlichen Stellenkommentar und eine Einführung, in der erklärt wird, was ein Regiebuch eigentlich ist und was die Spezifika von Reinhardts Arbeitsweise als Theaterregisseur waren.

Du bist schon in die Richtung gegangen, in die ich weiterfragen möchte: Was können wir lernen, wenn wir diese Edition zur Hand nehmen? Was erfahren wir über Max Reinhardts Regiearbeit und über das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, das wir bislang nicht wussten?

Bekannt ist der Jedermann ja vor allem als das erste Theaterstück, das bei den Salzburger Festspielen im Jahr 1920 aufgeführt wurde. Das edierte Regiebuch macht nun zum einen die doch längere Geschichte des Jedermann zugänglich, die 1911 in Berlin mit der Uraufführung im Zirkus Schumann beginnt, dann in Salzburg prominent weitergeht und später in New York bei einem Gastspiel der Reinhardt-Bühnen im Century Theatre 1927 fortgeführt wird. Zum anderen können wir anhand der Edition zeigen, dass auch andere Aufführungen des Jedermann Spuren in dem Regiebuch hinterlassen haben. Der Jedermann ging immer wieder auf Tournee und wurde in andere Theater übernommen. Man kann durch Eintragungen von Schauspielernamen sehen, dass er auch bei weniger prominenten Aufführungen, beispielsweise 1914, 1915 in Berlin wieder Eintragungen gemacht hat.

Das heißt, Reinhardt hatte das Regiebuch immer dabei?

Er hat es vermutlich immer herangezogen, wenn er den Jedermann inszeniert hat. Es sind mehr als ein Dutzend Aufführungen des Stücks in der Regie von Reinhardt dokumentiert, neben Berlin, Salzburg und New York etwa Gastspiele in Hamburg, Budapest, Prag und Basel, aber auch Inszenierungen in diversen Berliner Theatern vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Edition ist ein kollaboratives Projekt gewesen. Es zeichnen insgesamt vier Herausgeber_innen verantwortlich. Wie hat der gemeinsame Arbeitsprozess ausgesehen? Was braucht es, um eine solche Edition zu machen?

Als Erstes braucht es die Arbeit am Objekt im Archiv oder mit einem hochlösenden Scan, um das Original zu schonen. Ein wichtiger Arbeitsschritt ist die genaue philologische Transkription von Max Reinhardts handschriftlichen Eintragungen in das Regiebuch gewesen. Dann war es aber auch so, dass Norbert Wolf und ich als Germanisten sehr viel von der theaterwissenschaftlichen Expertise der beiden Mitherausgeberinnen Evelyn Annuß und Edda Fuhrich lernen konnten. Als Literaturwissenschaftler und Philologe kann man vieles nicht so genau zuordnen, Einträge nicht immer klar referenzieren: Was bedeutet dieser Eintrag hier genau? Wie kann man das historisch einordnen? Was hat das mit der zeitgenössischen Bühnenpraxis zu tun?

Ihr habt die zwei Bände kürzlich bei den Salzburger Festspielen offiziell vorgestellt. Schaust du dir den Jedermann heuer im Jubiläumsjahr an?

Ich habe die Generalprobe am Domplatz gesehen, die dann aus Wettergründen auch im Fernsehen gesendet wurde, weil die tatsächliche Premiere wegen eines Gewitters ins Große Festspielhaus ausweichen musste.

Und? Würdest du sagen, dass der Jedermann 2020 auf der Bühne noch in Bezug zu Max Reinhardts Regiepraxis steht?

Das ist schwierig zu sagen. Man sieht in der Gegenüberstellung, welche technischen Möglichkeiten es mittlerweile gibt: zur Übertragung von Sprache, dann, was Videokonzepte angeht, aber auch einfach die Größe des Ganzen. Die Uraufführung von 1920, also noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit muss man sich auf einer improvisierten Bretterbühne vorstellen, mit zusammengezimmerten Holzplanken aus früheren Kriegsgefangenenlagern. Es war ein einfacher Bretteraufbau vor dem Dom; inzwischen gibt es natürlich eine sehr viel größere und aufwändigere Kulisse, eine viel größere Anzahl an dramaturgischen Effekten. Das ist kaum zu vergleichen. Faszinierend ist damals wie heute, dass gewissermaßen der Stadtraum am und um den Domplatz zur erweiterten Bühne wird.

Nachdem dieses Projekt seinen glücklichen Abschluss gefunden hat – was steht jetzt auf dem Programm? Woran arbeitest du gerade?

Momentan arbeite ich an der Drucklegung meiner Dissertation und bereite das Manuskript für den Verlag vor. Das Buch soll unter dem Titel Strategen im Literaturkampf. Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik Ende des Jahres im Böhlau-Verlag erscheinen.

Also dürfen wir uns schon jetzt auf dein nächstes Buch freuen – alles Gute für die Zielgerade!

Regiebuch zum Jedermann2020-09-21T09:41:22+02:00

Martina Feichtenschlager

2020-07-31T14:31:53+02:00

Martina Feichtenschlager

verrät uns ihr aktuelles Forschungsvorhaben.

Woran arbeitest du gerade?

An meinem Habilitationsprojekt „Autorinszenierungen. Formen und Funktionen der Selbstrepräsentation in der deutschsprachigen Lyrik und Epik des Hochmittelalters.“ Etwas sperrig, aber es geht im Großen und Ganzen darum, wie sich ein Autor in seinem Text darstellt.

Was ist die größte Herausforderung dabei?

Direkt auf die Arbeit bezogen ist es anfangs immer etwas schwer, den Gegenstand zu erkennen und möglichst klar zu definieren, um sich später nicht zu sehr zu „verlaufen“. Ich arbeite immer sehr textbasiert und das ist schön: Man ist ganz nah an der Literatur und manchmal stellen sich ganz tolle Momente ein, in denen man plötzlich erkennt, dass und wie eine These aufgeht oder es – umgekehrt – eine unerwartete hermeneutische Entwicklung gibt und man alles über den Haufen werfen muss.

Manchmal weiß man aber schon am Anfang eines Arbeitstags, dass es ein Lesetag wird. Dann setze ich mich hin und lese oder recherchiere. Im akademischen Umfeld ist es aber oft schwer, konsequent und kontinuierlich an der eigenen Arbeit zu forschen, weil die Uni auch andere (schöne) Aufgaben bereithält.

Hast du etwas herausgefunden, das dich überrascht hat?

Dass die mittelalterliche Literatur Gattungskategorien und -systemen auch sehr kreativ gegenübersteht. Was aber niemals heißt, dass es Gattungsbewusstsein nicht gegeben hätte. Aber der Umgang ist anders als erwartet. Das fand ich zuletzt sehr erhellend.

WEITERE INFOS

Martina Feichtenschlager2020-07-31T14:31:53+02:00
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