Magdalena Stieb

Magdalena Stieb arbeitet als Literatur- und Kulturvermittlerin bei der Salzburger Leselampe und als Kunstvermittlerin im Museum der Moderne. Im Interview erzählt sie, was sie an ihrem Beruf liebt, und warum wir alle öfter zu Lesungen und ins Museum gehen sollten.

Was sagst du, wenn dich jemand fragt, was du beruflich machst?

Das kommt ein wenig darauf an, wer wo und wann fragt, denn auf diese Frage gibt es verschieden ausführlich Antworten. Jedenfalls habe ich in meinem beruflichen Leben zwei Standbeide: Einerseits arbeite ich als Programmleiterin beim Salzburger Verein Literaturforum Leselampe und als Kunstvermittlerin im Museum der Moderne Salzburg. Weil das sehr häufig einer weiteren Erklärung bedarf, liefere ich die auch gleich mit: Bei der Leselampe bin ich schwerpunktmäßig, aber auch nicht ausschließlich für die Programmierung, also Planung, Organisation und Abwicklung der Veranstaltungen zuständig, also Lesungen, Literaturfrühstücke, Filmclub etc. Im Museum der Moderne gebe ich Führungen durch die laufenden Ausstellungen für alle Besucher*innengruppen, also alle Altersgruppen, Schulen, Kindergärten, Erwachsene etc.

Wie sieht ein ‚ganz normaler Arbeitstag‘ aus?

Willst du es wirklich genau wissen? 🙂 Ein normaler Arbeitstag unterscheidet sich vor allem immer vom Arbeitstag davor und danach: Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich, stets gibt es neue Herausforderungen und anderes zu tun. Ein normaler Arbeitstag könnte konkret so aussehen: Vormittags, wenn das Museum am Mönchsberg oder im Rupertinum seine Türen öffnet, empfange ich mit einer Kollegin eine Volksschulklasse, für eineinhalb Stunden bin ich damit befasst, mit der Gruppe die aktuelle Ausstellung zu erkunden und auf viele, viele Fragen Antworten zu finden und die Kinder anzuregen, selbst nach Antworten zu suchen – die besten Antworten auf die Fragen, die ich selbst an zeitgenössische Kunst habe, geben mir übrigens junge Menschen. Teil eines solchen Workshops, den ich mit den Kolleginnen vorher ausgearbeitet habe, sind immer auch kreative Tätigkeiten – Wachsmalkreide, Bleistift, Uhustick, Tonpapier und Kinderschere sind mein tägliches Arbeitswerkzeug. Wenn die Kinder verabschiedet sind, fahre ich vielleicht ins Literaturhaus, kümmere mich um allerlei Administratives und/oder bereite etwa die nächste Lesung, die ich moderiere, vor. Wobei die vorbereitende Lektüre eher am Wochenende oder abends Platz hat. Am Abend nehme ich dann mit meiner Kollegin den/die Autor*in des Abends im Literaturhaus in Empfang, ich stehe an der Kassa, verkaufe Eintrittskarten etc. Dann rauf auf die Bühne, ein tolles Gefühl, etwa mit Brita Steinwendtner, Jonas Lüscher, Eva Menasse, Arno Geiger, Peter Stamm, Anna Weidenholzer, David Wagner oder demnächst Michael Stavarič. Die Gespräche mit den Autor*innen gehören zu den eindrücklichsten und auch herausforderndsten Erfahrungen.

Von welchen Aspekten des Germanistikstudiums profitierst du bei deiner Arbeit besonders?

Das Germanistikstudium hat mir mit den unterschiedlichen Zugängen der Lehrenden genau das vermittelt: Die Künste kritisch reflexiv zu betrachten und mit unterschiedlichen Zugängen und Fragestellungen an ein Kunstwerk heranzutreten, sei es die Literatur oder etwa die bildende Kunst. Neben vielen anderen Erkenntnissen, die ich aus meinem langjährigen Studium mitgenommen habe, ist es der Wissenshunger, frei nach Umberto Eco: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene“. Außerdem die Tatsache, dass man mit einem Gegenstand nie fertig werden und ihn immer wieder neu beleuchten kann. Mein Ziel ist einerseits, meine Leidenschaft für Kunst und Kultur ansteckend sein zu lassen, andererseits durch meine Kompetenz dem Publikum neue Perspektiven zu eröffnen, Anstöße zu geben, um dann – die Kunsthistorikerin Angeli Janhsen spricht von der „Jeweiligkeit eines Jeden“ – die Leser*innen, die Betrachter*innen ihren individuellen Lektüren bzw. Betrachtungen zu überlassen.

Welche Angebote haben das Literaturhaus und das Museum der Moderne für Student*innen?

Für Studierende kann ich grundsätzlich das gesamte Programm sowohl des Literaturhauses als auch des Museums der Moderne Salzburg empfehlen! Wer sich für Literatur interessiert, sollte sich die Möglichkeit nicht entgehen lassen, Autor*innen live zu erleben – gerade die Gespräche über einen Text machen völlig neue Perspektiven auf. Außerdem bietet die Leselampe einmal im Monat das Literaturfrühstück an: Wem Vorlesungen an der Germanistik zu ungemütlich sein sollten, der kann viele der Lehrenden dort in einem entspannten Rahmen bei Kaffee und Kipferl im Literaturhaus hören, so zuletzt Christa Gürtler zu Marlen Haushofer, im aktuellen Programm dann etwa Manfred Mittermayer zu Virginia Woolf oder aber auch den Literaturkritiker Anton Thuswaldner zu den Preisträger*innen des Georg Büchner Preises (der bedeutendste Literaturpreis im deutschsprachigen Raum). Im Museum der Moderne Salzburg empfehle ich grundsätzlich jede öffentliche Führung, sowohl Mittwoch um 18.30 Uhr als auch am Sonntag um 15.00 Uhr. Die Kunstgespräche mit den Kunstvermittlerinnen im Museum der Moderne sind wirklich toll! Es macht so viel Freude, sich angeregt über zeitgenössische Kunst zu unterhalten. Was soll ich sagen: Auch wenn man Germanistik studiert, heißt das nicht, dass nicht auch noch andere Künste auf dieser Welt existieren – die Schnittstellen und Korrespondenzen zu erkunden, ist äußerst inspirierend. Ganz abgesehen davon, dass wir in unserer Sammlung zum Beispiel reichlich Arbeiten von Multitalenten wie Else Lasker-Schüler, Oskar Kokoschka, Gerhard Rühm, Ferdinand Schmatz, Konrad Bayer etc. haben. Oder auch von Walter Pichler, der über Jahrzehnte für die Coverentwürfe des legendären Residenz Verlags und später des Jung und Jung Verlags verantwortlich war. Außerdem: Die Bibliothek des Museums der Moderne ist herausragend! Viele Bücher dort findet man an der ganzen Universität nicht. Wer gerne zur Wiener Gruppe arbeiten möchte, muss im Rupertinum recherchieren.

Was muss man diesen Herbst gelesen, welche Ausstellungen unbedingt gesehen haben?

Gelesen haben muss man Dorothee Elmiger „Aus der Zuckerfabrik“, außerdem Monika Helfer „Die Bagage“ und Xaver Bayer „Geschichten mit Marianne“. Gelesen haben muss man alle Texte auf dem Literaturblog „Literatur für den Fall“, www.literaturfuerdenfall.at. Gelesen haben muss man, egal wann und immer wieder, Emmanuel Bove „Meine Freunde“, Joseph Conrad „Herz der Finsternis“, Sylvia Plath „Die Glasglocke“ und die Gedichte von Emily Dickinson. Gesehen haben muss man die Ausstellung „Friedl Kubelka vom Gröller. Das Ich im Spiegel des Anderen“, eine großartige österreichische Künstlerin. Außerdem im Rupertinum „Marina Faust“, eine vielseitige, experimentierfreudige österreichische Fotografin.

Hast du Tipps für Leute, die einmal in diesem Feld arbeiten wollen?

Begeisterung! Ausprobieren! Ich muss ehrlich sagen, ich tue mir immer ein wenig schwer, wenn ich sehe, dass Studierende in Mindestzeit durch das Germanistikstudium rasen, wobei mir natürlich bewusst ist, dass das von äußeren Faktoren abhängig ist. Wenn es jedenfalls möglich ist, sich während des Studiums umzutun, Praktika zu belegen, dann sollte, ich würde sogar sagen, muss man das als Student*in der Geisteswissenschaften tun. Mein Studium habe ich mit großer Leidenschaft verfolgt und ich bin unheimlich dankbar für alles, was ich lernen durfte. Nebenher war ich unterwegs, habe Kontakte im Kulturbereich geknüpft und viele, viele Jobs gemacht… Kurz gesagt: Wer bei einem Bewerbungsgespräch im Kulturbereich sagt, dass er noch nie in einer Ausstellung oder bei einer Lesung einer/s lebenden Autor*in (ja, solche gibt es tatsächlich, reichlich sogar) war, die*der wird es schwer haben. Literatur, Kunst ist eben nicht nur Gegenstand von Prüfungen und Seminararbeiten, sondern passiert jetzt gerade, in diesem Moment.