Isabella Heinrici

2021-09-29T16:27:04+02:00

Ein Studienjahr in Japan – trotz COVID-19-Pandemie!?

Isabella Heinrici hatte sich ihr Auslandsjahr eigentlich anders vorgestellt und würde viel dafür geben, Melange und Mozartkugeln gegen Sencha und Sushi zu tauschen. Denn statt durch die Straßen von Tokio in den Hörsaal zu eilen, belegt die 22-jährige Innviertlerin Kurse online in Salzburg.

Du studierst seit gut einem halben Jahr im Rahmen des Study Abroad Programms an der Gakushuin Universität in Tokio Germanistik. Wir sitzen aber gerade in einem Kaffeehaus im Andräviertel in Salzburg. Wie kommt’s?

Das kommt so, dass aufgrund der Corona-Pandemie Japans Regierung wiederholt den Notstand über den Großraum Tokio erlassen hat. Ausländer*innen ist deshalb die Einreise verboten. Das gilt auch für Austauschstudierende, weshalb ich mein Auslandsstudium derzeit im Fernstudium betreibe.

Hast du Hoffnung, im Wintersemester noch nach Japan zu kommen?

Das Semester hat am 13. September begonnen und geht bis Ende Dezember. Momentan habe ich noch ein kleines bisschen Hoffnung. Der aktuelle Notstand gilt bis 30. September und die Infektionszahlen in Tokio sind rückläufig. Wenn ich Glück habe, wird der Notstand nicht verlängert und ich kann schon bald die Reise antreten.

Wir drücken die Daumen! Wie läuft dein Germanistikstudium in Japan von Salzburg aus denn bislang?

Von der Alltagsorganisation her ist das Online-Studium durch die Zeitverschiebung eher mühsam. Ich lebe in Salzburg nach japanischer Zeit. Lehrveranstaltungen besuche ich zwischen zwei Uhr in der Früh und dem späten Vormittag. Ich bereue aber trotzdem nicht, es durchgezogen zu haben, auch im Fernstudium. –

Das Studium in Tokio bietet mir verhältnismäßig wenige Kurse aus der Germanistik. Ein Großteil des Angebots ist in japanischer Sprache oder dem Spracherwerb gewidmet. Deshalb weiche ich einerseits auf das Angebot des Fachbereichs für englische Literatur aus, wo ich beispielsweise einen Kurs über irische Geschichte im Film belege; andererseits besuche ich Kurse der Sozial- und Politikwissenschaften. Damit kann ich in Salzburg meine freien Wahlfächer abdecken. An der Germanistik bin ich in einem spannenden Seminar zu Kafkas Erzählungen. Das läuft ähnlich ab wie bei uns ein Proseminar. Die Gruppe ist eher klein, weil die Studierenden natürlich ausreichende Sprachkenntnisse mitbringen müssen. Wir halten Referate, am Ende gibt es dann ein mündliches Abschlussgespräch statt einer Proseminararbeit.

Isabella Heinrici_Interviewbild

Isabella Heinricis liebste Art der Fortbewegung in Salzburg ist:

…zu Fuß ist total ok. Der Salzach entlang, dem Kai entlang. Man kommt so sehr gut zurecht, wenn man in der Nähe des Zentrums lebt. Die Öffis sind leider relativ teuer, auch für Studierende, aber die braucht man eigentlich gar nicht.

Ihr Lieblingsort in Salzburg:

…mein Lieblingsort in der Stadt ist ein koreanisches Restaurant in einem Durchgang in der Getreidegasse. Es ist sehr, sehr klein; vielleicht 5 m2 und ein bisschen schäbig. Das Essen ist günstig und gut und erinnert an südostasiatische Straßenküche. Es ist aber kein Ort zum Lesen, nur zum Essen. Am besten: Bibimbap.

Danke, dass du trotz der Zeitverschiebung, nach der du lebst, Zeit für ein Interview mitten am Nachmittag gefunden hast. Zu Kafka: Hast du eine Lieblingserzählung dieses Autors?

Ja. Die Verwandlung. Ich interessiere mich auch deshalb dafür, Kafka im japanischen Kontext zu diskutieren, weil er bei uns so bekannt ist. Ich finde es spannend, wie er im japanischen Bereich rezipiert wird. Wie zum Beispiel lässt sich Die Verwandlung ins Japanische übersetzen und welche Herausforderungen gibt es dabei? Für Gregor verwendet Kafka Wörter wie „Ungeziefer“ oder „Insekt“. Diese Wörter haben im Japanischen keine Entsprechung, weil es sie als Überbegriffe nicht gibt. Es gibt Käfer oder giftige Insekten, ungiftige auch. Aber kein „Insekt“ im Allgemeinen. Eine Übersetzung von 2015 verwendet im japanischen Text das deutsche Wort „Ungeziefer“. In einem der drei japanischen Schriftsysteme kann man Fremdwörter aus anderen Sprachen eins zu eins übertragen und etwa ein deutsches Wort auf Japanisch schreiben. Die Übersetzerin Yoko Tawada hat das so gelöst.

Warum hast du dich für Japan entschieden?

Viele Leute sind überrascht, wenn ich sage, dass ich Germanistik in Japan studiere. Die Germanistik ist aber ein internationales Fach. Für mich war es ein Anreiz, das Studium der deutschen Sprache und Literatur aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Außerdem lerne ich Japanisch. Ich wollte meine Sprachkenntnisse vertiefen. Natürlich geht das in Japan ganz anders als in Österreich. Durch das derzeitige Fernstudium ist die Situation für mich nicht ideal, es ist nicht so einfach, Leute kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Aber wer weiß, vielleicht kriege ich noch einen Flieger. Über das Studium hinaus wollte ich mich persönlich weiterbilden und meinen Horizont erweitern, indem ich in einen ganz anderen Kulturkreis eintauche. Es war mir wichtig, ein Land zu wählen, das sich von Österreich deutlich unterscheidet und weiter weg ist. Es ist gar nicht so leicht, für längere Zeit nach Japan zu gelangen; als Studentin ist es leichter ein Visum für längere Zeit zu bekommen.

Tätigkeit als Tutorin

Im Wintersemester 2020/21 hast du als Tutorin für die Einführung in die Literaturwissenschaft gearbeitet. Was ist ein Tutorium und was waren deine Aufgaben?

Ein Tutorium ist ein Kurs, der begleitend zu einer Lehrveranstaltung angeboten wird. Dort vermitteln Studierende aus höheren Semestern den Lehrveranstaltungsteilnehmer*innen Inhalte und Kompetenzen, die in der LV behandelt werden. Die Teilnehmer*innen haben auf freiwilliger Basis die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Gelerntes noch einmal zu üben und gemeinsam auszuprobieren. Die Studierenden sind dabei unter sich, was ein anderes und ungezwungeneres Lernklima ermöglicht. Es ist ganz unkompliziert Fragen zu stellen und gemeinsam zu diskutieren. Meine Aufgabe war es entsprechend, die Inhalte der Lehrveranstaltung zu wiederholen, mit den Teilnehmer*innen anzuwenden und auf ihre Fragen einzugehen.

Es war das zweite Semester während der Corona-Pandemie. Gab es dadurch besondere Herausforderungen?

Beim Tutorium eigentlich nicht. Der Online-Modus war sogar praktisch, weil man flexibler ist. Die Studierenden waren in ganz Österreich und anderswo verteilt. Sie mussten nicht an die Universität kommen und wir konnten uns in der Videokonferenz treffen. Das einzige Problem war zunächst, dass es keine Tafel gab. Gerade beim Üben der Metrik und der Kennzeichnung von betonten und unbetonten Silben war das eine Herausforderung. Ich habe aber ein Zeichenpad zu Hause für das Zeichnen von Comics. Damit konnte ich in vorbereitete PDF-Dateien hineinzeichnen und das direkt auf Webex übertragen. Das hat dann gut funktioniert.

Sprachenlernen, Berufswahl und Romane lesen

Warum studierst du Germanistik?

Es ist vielleicht banal, aber Deutsch war mein Lieblingsfach in der Schule und ich lese gerne. Deshalb interessiert mich die Literaturwissenschaft am meisten. Besonders auch die Mediävistik, weil ich ein Fan mittelhochdeutscher Literatur bin. Ich lerne gerne Sprachen, mochte auch den Lateinunterricht in der Schule und so hat sich mir ein ganz neues Feld der Literatur erschlossen. Ein anderer Grund für die Germanistik ist, dass man nicht auf einen spezifischen Beruf hin studiert. Man kann danach verschiedene Dinge machen, ist in der Berufswahl flexibel und frei in seinen Tätigkeiten. Auch in Bezug auf Japan ist das für mich interessant, weil es zum Beispiel die Möglichkeit gibt, Deutsch als Fremdsprache zu vermitteln. Ich würde gerne im Kulturbereich oder im Feld der Geisteswissenschaften arbeiten, habe aber keinen Beruf, von dem ich sage: das muss es sein. Die Germanistik bietet mir verhältnismäßig viele Möglichkeiten, mich zu bilden.

Du liest gerne. Was?

Alles Mögliche. Für die tägliche Lektüre am liebsten Erzählliteratur. Christoph Ransmayr. Haruki Murakami.

Was würdest du uns vom japanischen Autor Haruki Murakami zur ersten Lektüre empfehlen?

Ich habe nichts von ihm gelesen, was mir nicht gefallen hat. Aber ich würde Naokos Lächeln oder Die Ermordung des Commendatore empfehlen.

Isabella Heinrici2021-09-29T16:27:04+02:00

Linda Beutel

2021-09-13T16:11:14+02:00

Was ist und macht eigentlich ein*e Studienassistent*in?

Linda Beutel studiert nicht nur Germanistik, sondern sie ist auch Studienassistentin am Interdisziplinären Zentrum für Mittelalter und Frühneuzeit (IZMF). Sie verrät uns heute, was sie am Mittelalter – abseits von Drachen und Zauberern – fasziniert, und gibt einen Einblick in ihre vielfältigen Aufgabenbereiche.

Traumstudent*innenjob Studienassistent*in? Würdest du dem zustimmen?

Persönlich kann ich dem voll und ganz zustimmen. Aufgrund des Arbeitsplatzes an der Universität lässt sich der Arbeitsalltag ungemein gut mit dem Studium koordinieren. Zum einen hat man keine zusätzlichen Wege und zum anderen kann man die Arbeitszeiten dem eigenen Stundenplan weitestgehend anpassen. Außerdem sind die Aufgaben sehr eng mit meinen persönlichen Interessen vernetzt und ich bekomme genauere Einblicke in die Tätigkeiten der Professor*innen.

Dass eine Studienassistenz für jeden ein Traumjob ist, glaube ich nicht. Man sollte sich gut organisieren und selbständig arbeiten können, ansonsten verliert man schnell den Überblick. Außerdem sollte man auch Interesse an dem universitären Alltag haben. Wenn man z.B. ungern alleine arbeitet und nicht so gerne den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, befürchte ich, dass schnell die Freude an der Erledigung der Aufgaben abnimmt.

Warum hast du dich als Studienassistentin beworben?

Weil mir schon im ersten Studienjahr klar geworden ist, dass ich nach meinem Studium gerne in der Forschung arbeiten möchte. Da erschien mir eine Bewerbung als Studienassistentin als erster Schritt in die richtige Richtung. Rückblickend betrachtet, kann ich nur sagen, dass es diesem Wunsch sicher nicht abträglich war.

Was fasziniert dich an der Mediävistik?

Puh, das ist wirklich eine gute Frage und ich bemühe mich, das so kurz wie möglich zu beantworten… Das ‚Mittelalter‘ hat mich eigentlich schon früh begeistert. Die Vorstellungen, die ich damals hatte, waren jedoch alles andere als historisch korrekt, sondern mehr geprägt von fantastischen Märchen und Geschichten von Hexen und Zauberern. In meinen Teenager-Jahren bin ich dann in Kontakt mit der ‚Mittelalter-Szene‘ gekommen, habe Mittelaltermärkte besucht und bin großer Fan von mittelalterlicher Musik geworden. Auch wenn mir heute bewusst ist, dass die Darstellungen in Literatur, Musik und Spektakel meist nicht sonderlich ‚authentisch’ sind, ist die Begeisterung für die dort bedienten Motive geblieben. Die Ursprünge jener Motive untersuchen zu können, hat mein Interesse an der germanistischen Mediävistik geweckt. Nachdem ich mich jetzt einige wenige Jahre mit der Forschung beschäftigt habe, hat sich dieses Interesse über diese Motive hinaus natürlich ausgebaut. Mir ist bewusst geworden, dass diese Darstellungen meist mehr als nur Drachen, Zauberer oder Ritter zum Thema haben.

Wie sieht eine normale Woche bei dir aus, was sind deine Aufgaben?

Tatsächlich sieht jede Woche anders aus, da auch immer wieder neue Aufgaben auf mich zukommen. Vor kurzem hat das IZMF z.B. eine neue Website veröffentlicht. Dabei war meine Aufgabe, die Inhalte der alten Homepage auf die neue zu kopieren, aufzubereiten und ins Englische zu übertragen. Nachdem das nun alles erledigt ist, müssen die Beiträge natürlich auf dem neuesten Stand gehalten werden. Auch die Aktualisierung unserer Social Media-Accounts fließt in diesen Aufgabenbereich mit ein. Ansonsten übernehme ich auch die Organisation der Treffen und Tagungen des Zentrums oder des Doktorats-Kollegs. Dazu gehört die Buchung von Räumen und Hotelzimmern, Budgetkalkulationen, Organisation von Verpflegung usw. Außerdem kümmere ich mich um die Ablage und solche Sachen wie Druckaufträge, Erstellung von Postern und Foldern und die Beantwortung von Fragen, die die Studienergänzung (Interdisziplinäre Studien zu Mittelalter und Frühneuzeit) betreffen. Meine Aufgaben fallen also im Großen und Ganzen in den Bereich der Administration, der Öffentlichkeitsarbeit und des Eventmanagement.

 

Linda Beutel

Linda Beutel2021-09-13T16:11:14+02:00

Tanja Kreidenhuber

2020-07-31T14:34:35+02:00

Tanja Kreidenhuber

Studentin

Tanja Kreidenhuber studiert seit 2019 Germanistik im Bachelor. Nach einem aufgrund der COVID-19-Pandemie sehr außergewöhnlichen Semester erzählt sie von ihren Erfahrungen als Studentin.

Die meisten von uns haben im vergangenen Sommersemester viel Zeit zu Hause verbracht. Hast du in diesen Monaten ein Buch gelesen, das dich nachhaltig beeindruckt hat?

Hier muss ich tatsächlich sofort an ein bestimmtes Buch denken – Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig. In dieser für uns alle völlig neuen und unbekannten Situation über Augenblicke in der Menschheitsgeschichte zu lesen, die unsere Welt nachhaltig formten, hinterließ bei mir ein Gefühl von Staunen, Größe und auch Ehrfurcht. Vor allem Zweigs Schreibstil in Kombination mit diesen vierzehn Miniaturen konnte mich in dieser Zeit tief in seinen Bann ziehen. Ein höchst empfehlenswertes Buch!

Warum hast du mit dem Studium der Germanistik begonnen?

Deutsch war in den Jahren meiner Schulzeit neben Kunst immer mein absolutes Lieblingsfach – ich spürte mein großes Interesse an der Geschichte der Künste, vor allem wenn es um Literatur und um große Schriftstellerinnen und Schriftsteller ging. Seit ich in der Volksschule plötzlich verstanden habe, dass all die tollen Bücher, die ich so mochte, von realen Personen geschaffen worden waren und Autorinnen und Autoren ihre Geschichten so mit aller Welt teilten, wusste ich, dass nun ein Ziel fürs Leben für mich gesteckt war: Ich wollte selbst schreiben. Und das tat ich von da an unablässig – zuerst in ziemlich unleserlicher Schrift auf Zeichenblöcken, immer meine Eltern fragend, ob man auch, ohne auf dem Computer tippen zu müssen, ein Buch veröffentlichen könne. Später war der Computer dann da und auch all die Möglichkeiten, sich immer wieder auf unterschiedlichste Art und Weise kreativ auszudrücken und vor allem Inspiration aus der Umwelt zu schöpfen. Ich merkte: Unsere Kultur, unsere Geschichte und vor allem aber das aktuelle Weltgeschehen interessierten mich sehr. Mit achtzehn wusste ich schließlich, dass ich gerne in der Journalismus-Branche arbeiten würde. Ich hatte das große Glück, einen tollen Deutschlehrer zu haben, der sich mit meinen Ambitionen auseinandersetzte und mir schließlich das Germanistikstudium ans Herz legte.

Und hat das Studium im BA Germanistik deinen Erwartungen bislang entsprochen? Gab es Überraschungen?

Überraschungen gab es dahingehend, dass ich mir zu Beginn des Germanistikstudiums unter „Sprachwissenschaft“ nicht wirklich etwas Genaues vorstellen konnte, darüber aber bereits jetzt eine Fülle an Wissen kennengelernt habe, die mich den Sprachalltag plötzlich mit ganz anderen Augen sehen lassen. Was die Auseinandersetzung mit Literatur- und Kulturgeschichte angeht, entspricht das Germanistikstudium genau meinen Erwartungen – es ist unglaublich interessant gleichermaßen über den Einfluss der jeweiligen Zeit auf die Literatur und den Einfluss der Literatur auf die Gesellschaft zu lernen und sich damit aktiv auseinandersetzen zu können.

Wie hat sich die COVID-19-Pandemie auf deinen Alltag als Studentin ausgewirkt?

Um ehrlich zu sein, hat sie sich sehr stark auf meinen Alltag als Studentin ausgewirkt – was ich anfangs gar nicht gedacht hätte. Denn da war plötzlich die Nachricht: Lockdown. Universitäten ab 10. März geschlossen. Das hat nicht nur Studentinnen und Studenten wie mich vor den Kopf gestoßen, sondern die gesamte Universitätsgemeinschaft. Professorinnen und Professoren mussten sich auf einmal darauf einstellen, ihre Vorlesungen online abzuhalten, und das lief dann überall ganz unterschiedlich ab, auch was die Geschwindigkeit der Anpassung an diese neue Situation anging. Zuerst war es also fast wie eine Verschnaufpause – obwohl das Semester ja gerade erst gestartet hatte. Der plötzlichen Ruhe, die da eintrat, stand aber die große Unruhe entgegen, die sich schlagartig bildete: Das Coronavirus war jetzt wirklich in Österreich angekommen und warf unzählige Fragen auf. Eine neue Routine war für mich persönlich schnell gefunden, auch der Austausch mit meinen Studienkolleginnen und -kollegen blieb und wurde von Tag zu Tag stärker, da wir alle uns dieselben Fragen stellten. Wie lange würde der Lockdown dauern? Würden wir in diesem Semester die Uni noch einmal persönlich besuchen können? Wie würden nun die Prüfungen gehandhabt werden? Wie würde man selbst mit dem Online-Unterricht klarkommen? Ich hatte das Gefühl, dass wir uns alle in unserer gemeinsamen Unsicherheit gegenseitig Sicherheit gaben, uns auf diese neue Situation einzulassen. Das stärkte mich auf Dauer sehr. Die Corona-Krise löste nämlich viele neue Gedankenprozesse aus, gab den Weg frei für neue Betrachtungsweisen und führte auch zu neuer Kreativität und einer gewissen Spontaneität. Aber vor allem führte sie für mich persönlich zu Dankbarkeit. Ich war und bin dankbar dafür, die Corona-Krise innerhalb der Sicherheit eines Zuhauses erleben und die Zeit mit meinen Liebsten noch einmal mehr wertschätzen zu können, und dafür, die Möglichkeit zu haben, weiter meine Ziele verfolgen zu können – nicht überall auf der Welt können das die Menschen.

 

Hast du einen Tipp, was man im Sommer in Salzburg keinesfalls versäumen sollte?

Keinesfalls versäumen sollte man meiner Meinung nach, nach dem Lockdown Salzburg wieder bewusst zu genießen: Sich die Zeit zu nehmen, die Stadt vielleicht wieder neu zu entdecken, die Kunst, die Kultur und die Geschichte nach und in dieser für uns alle so anderen Situation wieder auf eine frische Art und Weise, aus einem neuen Blickwinkel und mit einem vielleicht neuen Gefühl von Dankbarkeit zu erfahren. Ob es eine Stunde im Mirabellgarten mit einem guten Buch, das Verfolgen der Stolpersteine auf den Straßen oder ein Ausflug in die Altstadt ist – in Salzburg gibt es so viel zu entdecken und zu genießen, das sollte man vor allem an schönen Sommertagen ausnutzen.

Tanja Kreidenhuber2020-07-31T14:34:35+02:00

Mario Karelly

2020-07-31T14:30:02+02:00

Mario Karelly

Student

 

Mario Karelly studiert im Bachelorstudiengang Germanistik. Im Wintersemester 2019 war er mit dem Erasmus-Mobilitätsprogramm an der Freien Universität zu Berlin. Er berichtet von Eindrücken als Germanistikstudent in der deutschen Hauptstadt.

Du bist Anfang Oktober als Austauschstudent nach Berlin gegangen. Welchen literarischen Berlin-Text empfiehlst du?

Ich will mich auf einen Text, der sich weitgehend mit Berlin beschäftigt oder in dem Berlin zumindest den Erzählrahmen ausmacht, beziehen. Es handelt sich um Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss. Vielleicht ist der Roman auch überhaupt der Text, der mich in letzter Zeit am meisten gefesselt und fasziniert hat. Berlin ist dabei sozusagen der Ausgangspunkt für deutsche Arbeiterjungs der Weimarer Republik, die dann in verschiedenen Teilen Europas Widerstand gegen den Faschismus leisten oder zumindest den Versuch dazu wagen und leider scheitern. Das Werk ist allgemein eine Reise durch Teile der Kunstgeschichte Europas und beschäftigt sich mit den ewigen Problemen der Linken und und und.

Ich besuche aber derzeit ein Seminar „Literaturstadt Berlin“, nach dem ich dann vielleicht noch weitere Empfehlungen abgeben könnte. Ob die Ästhetik noch von einem anderen Berliner Text übertroffen werden kann, weiß ich nicht.

Wie würdest du das Studium der Germanistik in Salzburg beschreiben und was interessiert dich an diesem Fach besonders?

Was mir am Studium der Germanistik in Salzburg besonders gefällt, ist die Begeisterung vieler Professoren am Fach, die dann auch auf mich überspringt, ob es nun die Literatur- oder Sprachwissenschaft ist. Ich fühle mich in beiden Teilbereichen sehr wohl. In der Literaturwissenschaft ist es vor allem das 20. Jahrhundert, wo ich meine größte Begeisterung aufbringe und in der Sprachwissenschaft intressieren mich Themen wie Sprachvariation und Sprachwandel besonders.

Was versprichst du dir von deinem Studienaufenthalt in Berlin und wie ist das Semester losgegangen?

Ich will mich einerseits als Mensch weiterentwickeln und denke, dass Berlin als sehr pluralistischer Ort, an dem man Kulturen und Menschen der ganzen Welt antrifft, ein perfekter Ort dafür ist. Als Provinzler ist auch die Großstadt neu und sehr aufregend. Es wird interessant sein, zu sehen, wie mich diese Erfahrung prägt. Andererseits erwarte ich mir einen intellektuellen Gewinn durch mein Studium hier. Nach der ersten Uni-Woche bin ich sehr zuversichtlich. Ich konnte mir ein sehr interessantes Programm zusammenstellen und in den Kursen wird schon sehr lebhaft diskutiert. Mit einem Seminar zur „Wiener Moderne“ kann ich auch jede Woche „österreichischen Geist“ einatmen.

Vor allem möchte ich noch die Theaterszene hervorheben. Als Student könnte man jeden Tag zu sehr guten Konditionen eine interessante Aufführung besuchen (man hat fast an allen Stätten freie Platzwahl um unter 10 Euro), was mich in zweieinhalb Wochen schon zu drei Stücken verführt hat.

Und wenn du deinen Berliner Studienkolleg_innen einen Salzburg-Text empfiehlst – welcher ist das?

Dazu möchte ich eine kurze Anekdote erzählen: Ich traf vor kurzem einen italienischen Germanistik-Kommilitonen und nachdem ich auf die Frage nach meinem Heimat-Studienort Salzburg nannte, fragte er mich: „In Salzburg ist es aber nicht schön, oder?“ Daraufhin entgegnete ich, wie er denn darauf käme, und er: „Durch Thomas Bernhardx“. Ich musste ihn dann natürlich aufklären, dass Salzburg auch aus anderen Augen, als denen von Thomas Bernhard betrachtet werden kann und dass es eigentlich ganz schön ist. Trotzdem würde ich als großer Bernhard-Fan Die Ursache oder Der Keller in Kombination mit einem Lokalaugenschein empfehlen, um auch die positiven Seiten der Stadt zu sehen.

Mario Karelly2020-07-31T14:30:02+02:00
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